Die Leistungsgesellschaft

Seminar am 10./11.2.2012 im Mehringhof, Gneisenaustr.2a

Freitag 19 Uhr:

Muße statt Faulheit! Plädoyer für eine muße-orientierte Arbeitsgesellschaft“ (Wolfgang Ratzel)

Das spätmoderne Leistungssubjekt ist zur Muße unfähig. Denn es funktioniert gemäß verinnerlichtem Leistungszwang. Es hat sich dazu verdammt und verdammen lassen, überall seine geistigen, mentalen und körperlichen Ressourcen zu optimieren, um in der Konkurrenz zu anderen Leistungssubjekten überlegen zu bleiben.

Freizeit, das private Beziehungen - alles wird zum Objekt einer (selbst-)ausbeuterischen Leistungsentfaltung: Man joggt, geht ins Fitness-Studio, besucht Entspannungs- und Selbstfindungskurse, Discos und Darkrooms, um Abnutzungserscheinungen zu kompensieren. Und irgendwann hilft nur noch die Methode des Enhancement: Man dopt sich, putscht sich auf – bis zur totalen Erschöpfung! Dann verbleibt nur die Alternative „Abhängen“ oder Burning Out. Faulheit zeigt sich als Kehrseite der Leistungsorientierung.

Die Muße aber setzt die Bereitschaft und Fähigkeit zum Hinhören und Vernehmen, zur Kontemplation voraus. Muße ist aktive Gelassenheit.

Gibt es eine Arbeitswelt, die eine solche Muße erlaubt, ja sogar einfordert? Und wie kann ich zur Muße fähig werden?

.................................................

Wie gerecht ist das Leistungsprinzip? (Robert Ulmer)

Wäre das Leistungsprinzip im Grunde gerecht, wenn es denn konsequent angewendet würde? Wenn all die unbezahlte Arbeit (die Mehrheit der Arbeitsstunden werden unbezahlt getan) adäquat anerkannt würde? Wenn die Erwerbsarbeit nicht mehr entweder viel zu schlecht oder absurd hoch, sondern, nun ja, eben „gerecht“ bezahlt würde?

In welchem Umfang beruhen die Erfolge der sogenannten Leistungseliten auf gratis genutzten Vorleistungen anderer? Was würde eine gerechte Verrechnung dieser gegenwärtigen und vergangenen Vorleistungen implizieren?

Oder geht es darum, das Leistungsprinzip aufzulösen? Weil es, wie viele Kreative einwenden, unproduktiv, ja geradezu leistungshemmend ist, Leistung und Vergütung kleinlich miteinander zu verrechnen?

Ist es nicht inhuman, ja sogar im engeren ökonomischen Sinne ineffizient, jedes Einkommen, letztlich die Berechtigung zu leben, an eine erbrachte Leistung zu binden? Muss nicht vielmehr das harte Prinzip der Leistungsgerechtigkeit um ein „solidaristisches“ Gerechtigkeitsprinzip zumindest ergänzt werden: eine allgemeine und bedingungslose Existenzsicherung jenseits des Leistungsprinzips?

Samstag 13 Uhr:

Wolfgang Ratzel: Globale kapitalistische Arbeitsteilung und Menschenwürde - Freies Fluten globaler Arbeitskraft oder selektive Immigration?

Soll und darf die Linke einen Globalisierungsprozess unterstützen, der das freie Fluten von Kapital, Waren und Arbeitskraft hervorbringt. Das ist die Frage aller Fragen. Das freie Fluten von Kapital und Waren setzt die Konvertierbarkeit, d.h. unbegrenzte Umtauschbarkeit von Währungen, den freien Waren- und Dienstleistungsverkehr, den Abbau von Zöllen und Handelsbeschränkungen, den Abbau von wettbewerbsverzerrenden Subventionen voraus. Während das Kapital relativ frei flutet, ist die Wirklichkeit des Warenaustauschs noch weit vom „Ideal“ entfernt. Das freie Fluten der Arbeitskraft würde globale Personenfreizügigkeit und Niederlassungsfreiheit bedeuten. Allein der offene Arbeitsmarkt würde das Ausmaß der Immigration steuern. Davon kann nirgendwo die Rede sein, gleichwohl erste Ansätze sichtbar werden. Der Vortrag wird das Für und Wider erörtern, insbesondere unter dem Gesichtspunkt einer systemimmanenten Kostenwahrheit, d.h. einer ökologisch-sozialen Kostenrechnung. Darüberhinaus wird versucht, die Frage des freien Flutens in einer postkapitalistischen Welt zu beantworten.

.........................................................................................................

Samstag, 15 Uhr: Lost generation? Jugend ohne Perspektive?

Wolfgang Ratzel und Jan Köttner (Autonomes Seminar)

Während in der BRD zahlreiche Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben, wächst gleichzeitig die Zahl sog. nichtausbildungfähiger Jugendlicher. In den südlichen EU-Ländern erreicht die Jugenderwerbslosigkeit bis zu 40 %, mancherorts sogar 50 % der Jugendlichen, obschon deren Zahl infolge sinkender Geburtenraten längst dramatisch zurückgeht. Was ist das für ein System, das seinen wenigen Jugendlichen keine Perspektive bieten kann? Andernorts, z.B. in den arabischen Ländern, deren Jugend derzeit revoltiert, besagt die demographische Wahrheit, dass bis 2020 sage-und-schreibe 51 Millionen Arbeitsplätze geschaffen werden müssen, um der arabischen Jugend Verdienstmöglichkeiten zu eröffnen. Und all das auf dem Hintergrund einer neuen Rationalisierungswelle, die sich global in Richtung automatisierter, roboterisierter, auf jeden Fall aber lohnarbeitsarmer Produktionsweisen bewegt. Nicht zu vergessen die latente Wirtschafts-, Finanz- und Währungskrise, die jederzeit zu einer Implosion des Weltsystems des Kapitalismus führen kann. Diese sichtbaren Tatsachen werden sowohl von den Regierenden als auch von den Regierten verdrängt, geleugnet, verharmlost, verschwiegen. Umso größer das allseitige Geschrei, wenn „plötzlich“ –wie jetzt in Großbritannien- Jugendbanden großflächig Stadtgebiete verwüsten und Läden plündern. Der Vortrag untersucht insbesondere auch die geschlechtsspezifischen Reaktionsmuster. Wie reagieren junge Männer im Unterschied zu jungen Frauen? Und: Gibt es für diese paradoxe Situation des Unter- und gleichzeitigen Überangebots jugendlicher Arbeitskraft eine Lösung? – oder befördert deren Unlösbarkeit den Zusammenbruch der kapitalistischer Lebensweise in einem Ozean von Chaos, Willkür und Gewalt?

Das Seminar wurde unterstützt von der Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt

 

Datum: 
Freitag, 10. Februar 2012 (Ganztägig) bis Samstag, 11. Februar 2012 (Ganztägig)