Was bedeutet „verloren“ in dem Begriff „verlorene Generation?

Einführung in das Brainstorming „Lost generation? Jugend ohne Perspektive?“:

Einleitung

Was der Titel „Lost Generation“ im Kontext unseres Seminars meint, scheint auf der Hand zu liegen: „nichtausbildungsfähige“ Schulabgänger, eine gewaltige Jugenderwerbslosigkeit in Europa, eine Überschuldung, die von der gegenwärtigen Jugend nicht verschuldet wurde, aber von ihr abgetragen werden muss usw.

Damit unsere Diskussion sich nicht in politischer Aktualität verliert, will ich zum Einstieg einen Blick aus größerer Entfernung ermöglichen, und zwar auf drei Weisen der Verlorenheit, die nebeneinander existieren: Es gibt die, die sich an die Leistungsgesellschaft verloren haben – als ihre Angestellten; es gibt die, die in ihr keine Stelle finden, obwohl sie sich diese wünschen; und schließlich gibt es eine dritte Gruppe: die der Leistungsgesellschaft verloren gegangen sind. Gerade diese Verlorengegangenen sind für uns von besonderem Interesse und können auf eine außerordentliche Rolle in der Geschichte zurückblicken.

Was heißt „Generation“?

lat. genus, generatio von gr. genos, genesis

Genesis – Nicht Schöpfung, sondern Entstehung. Jede Generation - ein neuer Anfang: sie entstand neu und lässt Neues entstehen.

Aristoteles: De generatione et corruptione

Was ist dann eine „Lost Generation“? –

Eine, bei der das Generieren ins Stocken gerät, sich in Sackgassen wiederfindet oder ganz verfällt – korrumpiert, ohne zu generieren.

Dies zeigt sich gegenwärtig in:

­    Jugenderwerbslosigkeit: in Europa dramatisch, - außerhalb, in arabischen Ländern z.B. noch dramatischer,

­    im Paradox: Mangel an „brauchbaren“ bei Gesamtüberschuss an unterzubringenden Jugendlichen; „nichtausbildungsfähige“ Schulabgänger

­    in der Überschuldung und Übernutzung der Welt: von der kommenden Generation nicht verursacht, muss aber von ihr ertragen werden

Wie geht die jetzt kommende Generation mit diesem Verlorensein um? Wie verhält sie sich dazu?

- Entspr. 3 Formen der Verlorenheit, die in der Leistungsgesellschaft, in die sie hineingeboren wurden angelegt sind

Diese 3 Lebensformen der Verlorenheit sind: (GRAFIK)

  1. sich an das Gestell verloren haben – als seine willigen Angestellten und Konsumenten
  2. ohne Stelle am Rand der Leistungsgesellschaft auf verlorenem Posten stehen, und zugleich sich wünschen, angestellt oder zumindest aktiver Konsument zu werden (Madrid/London)
  3. den Kontakt zur Leistungsgesellschaft willentlich verlieren. Diese Verlorengehenden, Verlorengegangenen lassen sich nicht einmal am Rand oder vor dem Schaufenster des Gestells festhalten.

Diese 3. Gruppe erscheint der systemimmanenten Perspektive der Leistungsgesellschaft als transzendent, als ‚lost in space’. Sie erscheinen als soziopathisch, fehlangepasst, dekadent, faul, träge.

Trägheit (nicht Faulheit, nicht Muße)

Dem Menschen der Antike galt Arbeiten-Müssen als Schande. Welchen Grund hatte dann das christliche Mittelalter, die Trägheit als gefährlich einzustufen und die unablässige Aktivität des Betens und Arbeitens zu heiligen? Ora et labora

Welchen Grund hatten die geschäftstüchtigen Calvinisten, sich selbst als Auserwählte zu sehen, die von Armut betroffenen, arbeitsunfähigen und Alkoholiker dagegen als von Gott Verworfene?

Kurz: welchen Grund hat das christliche Arbeitsethos?

Antwort: Die Trägheit steht in Konkurrenz zu Gott als Schöpfer der Welt gefährlichster Konkurrent in der Erschaffung der Welt.

Trägheit ist nicht Schlaffheit, sondern eine Kraft, ein Vermögen: Beharrungsvermögen. Die Kraft, in einer bestimmten Bewegungsrichtung zu verharren.

Die Urform aller Bewegung ist Trägheit. Alle Tätigkeit kommt aus der Trägheit, als Fortsetzen der eigenen Bewegung eines Körpers.

Genesis, Generatio ist nichts anderes als das zufällige Treffen von Trägheiten auf Widerstände und Hindernisse, dh auf andere Trägheiten. So entstand aus Versehen die Welt – nicht durch Schöpfung.

Trägheit ist also der Freie Flug, das Auslassen der eigenen Kraft eines Körpers, ein Trieb, ein AFFEKT

Spinoza: „Diejenigen aber, die „von gar keinem Affekt betroffen sind, werden durch einen geringfügigen Anlass dahin und dorthin getrieben.“

­    Warum fängt ein 2jähr. Kind, dass gerade noch missgelaunt oder traurig in einer Ecke saß, sofort an zu lachen, sobald man es hochhebt und durch die Luft wirbelt?

­    Was ist ein Jugendlicher? Was unterscheidet den Heranwachsenden vom Erwachsenen und Ausgewachsenen?

Ein pubertierender Jugendlicher, der sich in einem Zustand der Trägheit und Verweigerung befindet, oder gar depressiv erscheint, ist in Wahrheit ein Mensch, der danach strebt, einen bestimmten trägen Flug, auf dem er sich selbst einst befand, fortzusetzen / wiederaufzunehmen, gegen die Kräfte, die ihn zum Boden ziehen. Seine Verweigerung und seine Antriebslosigkeit ist eigentlich eine Kraft, eine Fähigkeit, auf bestimmte Reize nicht zu reagieren

„Lost“: 1. Zu Boden gegangen 2. im Freien Flug

Ich nehme mit diesen ـberlegungen den Faden des Vortrags von Wolfgang Ratzel über Muكe und Faulheit" auf, indem ich nنmlich einen Zustand beschreibe, der gemeinhin als Faulheit wahrgenommen wird, obwohl er doch etwas anderes ist: Eine Traurigkeit, Mutlosigkeit in Anbetracht der eigenen Schwنche, auf Reize reagiert zu haben, die die Disziplin des eigenen Wollens untergruben. Es ist dem verwandt, was Han Erschِpfungsmüdigkeit nennt. Han knüpft an Nietzsche an, der in der letzten Phase vor seinem endgültigen Zusammenbruch an mehreren Stellen "Schwنche" und "Ohnmacht" definiert als die "Unfنhigkeit, auf Reize NICHT zu reagieren". Wenn to-be-lost, Verloren-Sein eine Art Ohnmacht ist, dann ist es die Lost generation vielleicht gerade in diesem Sinne! Das wنre ein erster Punkt zum Nachdenken. Dann aber kِnnte "Lost" auch genau das Gegeteil anzeigen: Wer sich von der Schwerkraft der Reize nicht mehr herunterziehen lنكt, befindet sich im FREIEN FLUG, auf der Bahn seiner eigenen Trنgheit - welche eben keine Faulheit ist, sondern geradezu der Anfang aller Bewegung, aller Enstehung, aller GENERATION - diese frei fliegende Generation erscheint von unten betrachtet als "lost in space"...

AutorInNen: 
Jan Köttner