Über die Illusion der Selbstregierung und Selbstverwaltung

These 1: Die Idee und der Habitus der Selbstregierung, Selbstermächtigung, Selbstorganisation und Selbstverwaltung ist längst in den spätmodernen kapitalistischen Produktions-prozesses integriert, und zwar als unverzichtbare Anforderungen.

Diese Habitus-Anforderungen bestimmen die Arbeitsweise in allen Arbeitsbereichen, Branchen und auf allen Hierarchie-Ebenen, wobei Habitus verstanden wird als das gesamte Auftreten einer Person, d.h. als Denken, Fühlen, Handeln, als Lebensstil, Sprache, Kleidung, Geschmack (vgl. Elias und Bourdieu).

Wer nun diesen Selbstregierungs-Habitus nicht verinnerlicht hat und mitbringen kann, hat keine oder nur wenige Arbeitsplatzchancen.

Denn am Ende des 20. Jh. hat sich global und in allen Produktionssphären und selbst im Bereich der Arbeitsämter ein neues Leitbild etabliert: Das Leitbild des Arbeitskraftunternehmers. Was hatte sich im Selbst-Bild des Werktätigen geändert?

Der Werktätige, der sich als Leistungssubjekt und Arbeitskraftunternehmer begreift, betrachtet sich als Kapitaleigner. Sein eigenstes Kapital ist die Wertschöpfungskraft seines Körpers. Sein „Humankapital“ versucht er gewinnbringend einzusetzen; d.h.: Er bewirtschaftet sein Humankapital so, als ob er Unternehmer wäre. Die Akkumulation seines Humankapitals regiert alle seine Entscheidungen: Vom Kinderwunsch, über Ortswahl, Partnerwahl, Biographieplanung, Bildungsanstrengungen, Freizeitplanung. Ob Freiberufler, Unternehmer oder Lohnarbeiter – der Arbeitskraftunternehmer wählt die Form, die Aussicht auf größtmögliche Rendite seines eingesetztes Humankapitals hat. Als Arbeitsloser betrachtet er Arbeitslosengeld und Integrationsmaßnahmen als Subvention eines Neuanfangs.

Um erfolgreich zu sein, muss der Arbeitskraftunternehmer folgende Anforderungen können wollen:

- Selbstorganisation; d.h. er muss die zugewiesenen Aufgaben aus eigenem Antrieb und ohne Fremdsteuerung allein oder im Team erledigen wollen;

- Flexibilität und Verfügbarkeit; d.h. er muss immer verfügbar sein, überall und zu jeder Zeit, nach „Feierabend“, am Sonntag und im Urlaub;

- Arbeit nach Auftragslage; d.h. er muss bereit sein, viel zu arbeiten, wenn Aufträge drängen und wenig zu arbeiten, wenn Aufträge fehlen;

- Wechsel der Aufgaben; d.h. er muss das Bedürfnis haben, ständig neue Aufgabenbereiche kennenzulernen;

- Eigen- und Produktverantwortung; d.h. er muss sich für seinen Aufgabenbereich hinsichtlich Qualität und Quantität verantwortlich fühlen wollen;

- Zeitsouveränität; d.h. er muss zu flexiblen Arbeitszeiten wie gleitende Arbeitszeit, Arbeitszeitkonten, Überstunden, Samstags- und Sonntagsarbeit usw. bereit sein wollen;

- Teamarbeit; d.h. er muss zur Arbeitsplatzrotation bereit sein, mit austauschbarem Personal zusammenarbeiten und sich selbst so weiterbilden wollen, dass er vielseitig einsetzbar bleibt.

- Arbeit in flachen Hierarchien; d.h. er muss die Hoffnung auf geregelten Aufstieg fahren lassen wollen;

- Modernes Nomadentum; d.h. er muss die Sesshaftigkeit opfern können zugunsten des Prinzips: „Wo du bist, ist auch dein Büro.“

- Entidentifizierung; d.h. er muss sich als Leistungssubjekt nur mit seiner Leistung identifizieren können, niemals mit Firmen oder Institutionen, in denen es arbeitet, und auch nicht mit kollektiven Identitäten (Nation, Gemeinwohl, Menschenrechte usw.).

Die grundlegende und alles überragende Fähigkeit besteht jedoch darin, alle diese verinnerlichten Leistungszwänge als Ausdruck persönlicher Freiheit zu empfinden. Wer sich im Leistungszwang nicht frei zu fühlen vermag, wird scheitern.

Ein Arbeitskraftunternehmer, der sich als Leistungssubjekt versteht, fällt nicht vom Himmel. Er wird in eine Zeit geboren, die sich als Leistungsgesellschaft versteht. Die Institutionen seiner Erziehung und Vergesellschaftung sind die allbekannten: Familie/Partnerschaft, Schule, Betrieb. Es fehlt die Armee. Grundlegend anders aber sind Ziel und Techniken der Sozialisation. Geblieben ist der Imperativ: Du sollst Dein Kind in seinen Fähigkeiten entfalten. Der Paradigmenwechsel zeigt sich im Ziel: Die Entfaltung geschieht nicht mehr zu fremdgesteuerten Zwecken. Der Imperativ der Leistungsgesellschaft lautet: Du sollst Dich zu Deinen eigensten Zwecken entfalten wollen!

Dieser Imperativ regelt alle Beziehungen zwischen den Institutionen der Leistungsgesellschaft und dem heranwachsenden Leistungssubjekt: Im Mittelpunkt steht der Heranwachsende als Potenzial von Fähigkeiten. Seine Entfaltungsinteressen kommandieren alles. Die Eltern betrachten sich als dessen DienstleisterInnen; ebenso die nachfolgenden Erziehungsinstitutionen. Wehe, wer in den Verdacht gerät, das Potenzial der Heranwachsenden ungenügend zu entfalten.

Da es Freiheit nur als Freiheit von einem gebietenden Andern kennt, geschieht die Berufswahl unter den Maximen Freiheit, Lust und Neigung, was wiederum nur im Status des Unternehmers seines Selbst möglich erscheint.

Der Paradigmenwechsel zur Leistungsgesellschaft und zum Leistungssubjekt hängt maßgeblich an technischen Neuerungen, insbesondere an der Computerisierung der Arbeitswelt. Statt zentralisierte Steuerung und Kontrolle über mehrstufige Hierarchieebenen nunmehr immer komplexere Vernetzungen über computergestützte Informations- und Kommunikationstechnologien.

Das flache Netzwerk wird zum Leitbild der Unternehmensorganisation.

Summa: Die Vorstandsetagen bestimmen zunehmend nur noch, mit welcher Kapitalrendite produziert wird. WAS produziert wird, ist ihnen zunehmend egal. Darüberhinaus gibt es kein WARUM. Das WIE (und zunehmend auch das WAS) der Produktion wird in die Hände der ProduzentInnen gelegt. Deshalb können sie sich im Zwang zur Leistung „frei“ fühlen.

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These 2: Wir alle sind „Angestellte“ der kapitalistisch-technischen Verhältnisse (Gestell) und somit immer schon „fremdbestimmt“

Der Lauf der Dinge wird durch das Finanzgeschehen bestimmt. Deren Regeln und Logik sind unerkennbar. Die ökonomischen Prozesse geschehen im Unheimlichen. Die zirkulierenden Objekte und Zeichen haben einen gespenstischen Eigensinn entwickelt.

Unsere Gegenwart empfängt ihre Gesetze von etwas, was als „Gespenst des Kapitals“ bezeichnet werden kann (Vogl, S. 7f)

„Die Welt ist unlesbar du der Lauf der Dinge ist richtungslos geworden, die Serie der Notierungen und Zahlungsereignisse fügt sich zu keinem erkennbaren Muster zusammen du verliert ihren motivierten Gang.“ (Vogl, 19)

Krisen sind Einbrüche des Unerwartbaren und geschehen in der Dynamik eines irrationalen Überschwangs. (Vogl, 21)

Krisen sind Ereignisse, die unabsehbar, launisch und ohne Vorzeichen hereinbrechen wie die Tat eines geistesgestörten Amokläufers, der lange unerkennbar als netter Mensch und guter alter Nachbar nebenan lebte. (Vogl, 18)

Vogl bezeichnet diese spätmodernen Krisen mit der Metapher des „Schwarzen Schwans“, was aussagen soll, dass es um vereinzelte Begebenheiten geht, die außerhalb jeder Erwartungen und Erwartbarkeiten liegen und höchste fatale Wirksamkeit entfalten. (Vogl, 18)

Krisen und Zusammenbrüche werden (nach Hyman Minsky) nicht einfach durch äußere Erschütterungen (fiskalische oder politische Theatercoups) hervorgebracht, sondern durch die Eigenbewegung der Finanzökonomie selbst und ihrer Parameter (Kenngrößen, Kennzahlen). Insofern wird der Finanzmarkt wird durch Ruhe beunruhigt, durch Stabilität destabilisiert, sein effizientes Funktionieren wird dysfunktional. (Vogl, 162)

Das Gespenst des Kapitals reformiert sein Funktionieren im Widerstand, inkludiert seine Opposition, integriert die spontane Aktion und perfektioniert sich so. (Vogl, 13)

Das alles geschieht im Rahmen des Wirkens des Gestells, dessen Walten besagt:

„Der Mensch ist gestellt , beansprucht und herausgefordert von einer Macht, die im Wesen der Technik offenbar wird. Gerade in der Erfahrung dieses Gestelltseins des Menschen von etwas, das er selbst nicht ist und was er selbst nicht beherrscht, zeigt sich ihm die Möglichkeit der Einsicht, dass der Menschen vom Sein gebraucht wird.“ (Heidegger, Spiegel-Gespräch, S.100). Das Walten und Wirken des Gestells ermöglicht dem Menschen somit die Einsicht, dass der Mensch nicht Subjekt im Sinne der Bezugsmitte alles Seienden ist! Vielmehr wurde er „Subjekt“ im Sinne des Unterworfenseins unter das unverfügbare Walten einer ihm äußerlichen Macht.

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These 3: Das Selbst, das sich als „Subjekt“ versteht, handelt immer schon ausbeuterisch – gleich in welcher Organisationsform

Die Frage, ob Selbstregierung, Selbstverwaltung, Selbstorganisation eine wünschenswerte politökonomische Perspektive ist, entscheidet sich daran, wer und was dieses „Selbst“ überhaupt ist. Sofern sich dieses Selbst als abendländisches „Subjekt“ versteht, denkt und handelt es immer schon ausbeuterisch.

Wir alle, die wir als Subjekte erzogen und zu Subjekten geprägt wurden, handeln als –in verschiedener Intensität- als AusbeuterInnen von Erde und Welt.

Was heisst nun, sich als Subjekt zu begreifen?

Schon der Homo-Mensura-Satz des Protagoras verweist auf das, was aber erst zum Beginn der Neuzeit als Subjekt erscheint: „Aller Dinge Maß ist der Mensch, der seienden, dass sie sind, der nichtseienden, dass sie nicht sind.“ (Platon, Theätet 152a)

Was ist nun das Neue am neuzeitlichen Bild, das sich der Mensch von sich selbst macht? „Nicht dass der Mensch sich von seinen bisherigen Bindungen zu sich selbst befreit, ist das Entscheidende, sondern dass das Wesen des Menschen überhaupt sich wandelt, indem der Mensch zum Subjekt wird.

Dieses Wort subiectum müssen wir freilich als die Übersetzung des griechischen hypokeímenon verstehen. Das Wort meint das Vor-liegende, das als Grund alles auf sich sammelt.“ – „Der Mensch wird zu jenem Seienden, auf das sich alles Seiende in der Art seines Seins und seiner Wahrheit gründet. Der Mensch wird zur Bezugsmitte des Seienden als solches.“ (Heidegger, 88)

Ergo: „Der Mensch begründet sich selbst als die Maßstäbe aller Maßstäbe, mit denen ab- und ausgemessen (verrechnet) wird, was als gewiß, d.h. als wahr und d.h. als seiend gelten kann.“ (Heidegger, Zusatz 9, 110)

Wer sich als Subjekt sieht, bringt sein Leben in den Vorrang der Bezugsmitte alles Seienden, das ihn umgibt. (vgl. Heidegger, 94)

Wer sich aber als Bezugsmitte des Seins sieht, kann das Seiende nur vor sich hin und zu sich her stellen: „Dadurch kommt das Seiende als Gegenstand zum Stehen und empfängt so erst das Siegel des Seins.“ (Heidegger, 92)

„Vorstellen meint hier: von sich her etwas vor sich stellen und das Gestellte als ein solches sicherstellen. Dieses Sicherstellen muss ein Berechnen sein, weil nur die Berechenbarkeit gewährleistet, im voraus und ständig des Vorzustellenden gewiß zu sein. […]. Das Vorstellen ist […] das Ergreifen und Begreifen von .... Nicht das Anwesende waltet, sondern der Angriff herrscht.“ (Heidegger, Zusatz 9, 108)

„Das Ich des Menschen wird in den Dienst dieses Subjectum [als Bild von sich selbst, WR] gestellt.“ (Heidegger, Zusatz 9, 109)

Dem Sein des Subjekts wohnt somit eine aktive Vorstellung inne. Es ergreift vorstellend die Welt. Das Begehren ist der Grundzug dieses Subjekt-Menschen. Sein heißt ihm, Appetit haben, sich voll machen, und zwar je-für-sich, als Autist.

Sein heisst Kraft, Wille, Impuls und Sich-selbst erwirken wollen.

Der Wille, der die Dynamik trägt, ist der Wille zu sich – als Wille, die Welt zu ergreifen und sie auf sich hin zuzurichten – die Welt ausbeuten wollen, um sich mit dem Ergriffenen voller zu machen. (Han, 62ff.)

Summa: Ein Subjekt kann somit immer nur seine eigene ausbeuterische Perspektive auf Erde und Welt organisieren, verwalten und regieren.

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These 4: Das Selbst, das sich organisiert und verwaltet, muss ein Selbst sein, das Welt und Erde in Obhut nimmt

Die Perspektive Selbstorganisation und Selbstverwaltung ist nur dann wünschenswert, wenn sich das Selbst als Nicht-Subjekt versteht; d.h.: wenn dieses Selbst sich als Dasein versteht, das Welt und Erde in Obhut nimmt.

Der Mensch muss sich als Subjekt überwinden, indem er das Seiende nicht mehr als Objekt vorstellt. (Heidegger, Zusatz 14, 113)

Der Mensch muss sich aus einer Position, aus der heraus er das Sein und Seiende als Bild (!) anschaut, beherrscht und ausbeutet, in die Position dessen bringen, der vom Sein „angeschaut, in dessen Offenes einbezogen und einbehalten und so von ihm getragen [wird].“ (Heidegger 90f.).

Sein Selbst-Bild als ergreifendes und angreifendes Subjekt und Bezugsmitte alles Seienden, kann sich auf diese Weise verwandeln in das Bild des Menschen, der das Sein und das Seiende hütet, bewahrt und schützt. Das „Gegen-Bild“ des ausbeuterischen, gewalttätigen Subjekt-Menschen ist der Mensch, der das Sein, Welt und Erde in Obhut nimmt. Wo Ausbeutung war, kann Inobhutnahme werden.

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Literaturempfehlungen

  • Bartmann, Christoph: „Leben im Büro. Die schöne neue Welt der Angestellten“ - München 2012 (Hanser)
  • Han, Buyung-Chul: „Die Philosophie des Zen-Buddhismus“ - Stuttgart 2002 (Reclam)
  • Heidegger, Martin: „Die Zeit des Weltbildes“  - In: Martin Heidegger: „Holzwege“ Frankfurt am Main (Klostermann)
  • SPIEGEL-Gespräch mit Martin Heidegger. In: Günther Neske, Emil Ketterin (Hgg.): „Antwort – Martin Heidegger im Gespräch“, Pfullingen 1988 (Neske-Verlag), S. 81-111
  • Vogl, Joseph: „Das Gespenst des Kapitals“ - Zürich 2012 (diaphanes)

 

AutorInNen: 
Wolfgang Ratzel