„Muße statt Faulheit“

Erster Schritt: Was bedeutet Muße?

Ursprünglich-griechisch umfasste der Begriff scholé = Muße gleichzeitig die Verzögerung, die Langsamkeit, bedeutete aber auch Studium und Schule.

Nach Aristoteles war die Muße unvereinbar mit „banausischer Arbeit“, also mit Arbeiten, die den Körper in eine schlechte Verfassung bringen. Muße war somit die Grundvoraussetzung der Tugend, die wiederum Grundvoraussetzung für die Glückseligkeit des Staates und der einzelnen Bürger war.

Muße vertrug sich aber auch nicht mit dem Spiel und dem Vergnügen, weil sowohl Arbeit als auch Spiel und Vergnügen auf einen Zweck gerichtet waren. Arbeit diente der Notdurft und Spiel und Vergnügen diente der Erholung von der Arbeit, diente also dem Zweck, die Arbeiter arbeitsfähig zu halten.

Muße unterscheidet sich von Arbeit, Spiel und Vergnügen aber gerade dadurch, dass sie keinen Zweck verfolgt. Der Zweck ruht in der Muße selbst.

Damit steht Muße auf der Stufe des Glücks, denn Glück kann auch keinen Zweck verfolgen - Glück ist sich selbst Ziel – Glück ist unverfügbar und bringt eben deshalb die Lust in das Dasein.

Anders gesagt: Die Muße trägt Lust, wahres Glück und seliges Leben in sich selbst. Das Wesen der Muße ist Lust und Glückseligkeit, genauer: Muße west als Lust und Glückseligkeit.

Nur deshalb kann sie Grundvoraussetzung eines glückseligen Staates und Gesellschaft sein.

Es geht nicht darum, die Wiederkehr der griechischen Polis herbeizusehnen. Denn damals beruhte die Muße der wenigen Bürgermänner (ca. 5 bis max. 10% der Gesellschaft) auf der Ausbeutung der Arbeit der „Banausen“, der Handwerker, Lohnarbeiter, Bauern, Frauen, und der SklavInnen.

Es geht darum, das Wesentliche der aristotelischen Botschaft unter Bedingungen der Jetztzeit umzusetzen, d.h.: Die Muße setzt eine Zeit und einen Raum voraus, in der sie sich abseits vom Streben nach Zwecken (Arbeit, Spiel, Vergnügen) entfalten kann. Nur dann entfaltet die Muße das, was sie in sich trägt: Lust und Glückseligkeit im großen Ganzen und in der müßigen Person.

Muße kommt auch nicht von alleine. Muße muss erlernt werden. Aristoteles weist darauf hin, dass es eine Erziehung zur Muße geben muss, d.h.: Heutige Strukturen von Leben und Arbeiten müssen auf die Erziehung zur Muße gerichtet sind.

Eine muße-orientierte Leistungs- und Arbeitsgesellschaft muss hier und heute Strukturen, Produktions- und Lebensweisen entwickeln und möglich machen, die diese Abtrennung des Zweck-losen nicht nur erlaubt, sondern zum eigentlichen Zweck hat!

Die kapitalistische Produktionsweise ist geradezu das Gegenteil davon, weil sie ausschließlich Zwecken dient und höchstens Spiel, Erlebnis und Vergnügen zwecks Regeneration der „LeistungsträgerInnen“ vorsieht (die ihrerseits Geschäftsfelder sind). Der Kapitalismus bringt die Wellness-Industrie hervor, niemals aber eine muße-orientierte Leistungsgesellschaft.

Zweiter Schritt: Was bedeutet Faulheit und was unterscheidet Muße von Faulheit?

Faulheit begreife ich als den Zustand der Abwesenheit von Leistung. Der Faule leistet nichts, weil er sich von der Leistung erholen will, oder der Faule verweigert aus welchen Gründen auch immer die zugemutete Leistung.

Der entscheidende Unterschied zur Muße besteht darin, dass Faulheit keine Aktivität des Zwecklosen ist. Der Zweck der Faulheit ist bestenfalls die Erholung von der Leistung oder die Verweigerung von Leistung. Faulheit trägt in sich nichts als die Negation der Leistung.

Die Abgrenzung der Faulheit von der acedia, d.h. der Trägheit, die –nach Walter Benjamin- als Trägheit des Herzens der Urgrund der Traurigkeit und damit der Melancholie sein kann, wird Thema des Vortrags von Jan Köttner sein.

Meine These lautet: Das spätmoderne Leistungssubjekt ist zur Muße unfähig!

Es braucht aber Kompensationsmöglichkeiten und Faulheits-Gelegenheiten, um nicht auszubrennen. Die Faulheitsorientierung ist die Kehrseite der Leistungsorientierung.

Dritter Schritt: Was bedeutet das Paradigma der Leistungsorientierung? Wie funktioniert das Leistungssubjekt der Leistungsgesellschaft?

Vorab einige Begriffsklärungen:

Über die Entwicklung der Gesellschaftsformationen:

Im Anschluss an Michel Foucault unterscheide ich zwischen Souveränitäts-Macht bzw. Souveränitätsgesellschaft, Disziplinar-Macht bzw. Disziplinargesellschaft und Leistungs-Macht bzw. eine Leistungsgesellschaft, die sich vor aller unser Augen zur Dopinggesellschaft als Leistung-ohne-Leistung-Gesellschaft weiter entwickelt – besser: verkommt.

Als treibende Kräfte können vermutet werden...

- die Auswirkungen des Gesetzes des tendenziellen Falls der Profitrate;

- Byung-Chul Han behauptet, dass ein gesellschaftlich Unbewusstes, das zur Maximierung der Produktion strebt, die treibende Dynamik der Geschichte der Gesellschaftsformationen sei.

Was bedeutet „Disziplinargesellschaft“?

Ihr Imperativ und Paradigma lautet: Du musst Dich von uns zur Steigerung der Zwecke der Nation, der Klasse, der Rasse, des Unternehmens, der Partei, des Vereins, der Menschheit usw. entfalten lassen. Es geht also um eine fremdbestimmte Entfaltung zu fremden Zwecken (die nur mittelbar für eigene Zwecke genutzt werden kann). Man hat für die Nation, den Staat, den Betrieb, für eine Idee usw. zu leben und zu sterben.

Diese fremdbestimmte Entfaltung des Individuums geschieht durch komplexe Disziplinar- und Zurichtungstechniken, vornehmlich in der Familie, Schule, im Betrieb und in der Armee. Foucault beschreibt das so: „Aus einem formlosen Teig, aus einem untauglichen Körper macht man die Maschine, deren man bedarf […]“ (Foucault, Überwachen und Strafen, 173)

Dürfen wir also, was wir können? Nein! Nur dasjenige Können, das fremden Zwecken dient, darf sich entfalten. Andere Könnens-Arten werden unterdrückt.

Was bedeutet „Leistungsgesellschaft“?

Die Leistungsorientierung hängt als kategorischer Imperativ und Paradigma über den gesamten Lebensäusserungen der Menschen. Man wird in dieses Paradigma hineingeboren! Man hat nicht die Wahl, nicht hineingeboren zu werden. Man kann höchstens entkommen.

Der Imperativ und das Paradigma lautet:

Du sollst und willst Dich aus freien Stücken zu eigenen Zwecken entfalten wollen! Tu, was Du kannst und könne das Maximale. Du sollst und willst vertikalgespannt leben und arbeiten!

Entscheidend ist: Der verinnerlichte Selbstzwang zum Mehr-Können erzeugt in der Leistungssteigerung ein Gefühl der Freiheit! Man lebt auf Kosten seinerselbst, beutet sich aus und fühlt sich dabei frei!

Dürfen wir, was wir können? – Nein! Wir sollen, was wir können! – und wir wollen, was wir können!

Vierter Schritt: Warum ist das Leistungssubjekt und die Leistungsgesellschaft davon bedroht auszubrennen?

In der Leistungsgesellschaft wirkt –wie Byung Chul Han sagt- die Gewalt der Positivität!

Man soll und will bestmöglichst positiv sein. Das führt zu einer Leistungsspirale, die in der Überforderung endet und sie zum „Normalzustand“ macht. Der Überforderte leidet an einem Zuviel an allem: Zuviel Produktion, Information Leistung, Kommunikation!

Das Leistungssubjekt ist überall von diesem Imperativ des „Immer-mehr“ umstellt. Kein Feierabend, kein Sonntag oder Urlaub schützt ihn. Sein Alltag ist entgrenzt. Es gibt kein Innen und kein Außen mehr. Selbst im Halbschlaf denkt er über seine Projekte nach. Arbeit und Freizeit werden ununterscheidbar. Alles wird zum Zweck der Leistungssteigerung!

Um seine Leistungsfähigkeit zu steigern, genügt es nicht, eine Aufgabe nach der anderen zu erledigen. Man arbeitet gleichzeitig an vielen Zielen – Multitasking wird zur Geißel des Leistungssubjekts.

Die Gewalt der Positivität wirkt über die Sinnesorgane, über die Neuronen. Das Leistungssubjekt hat kein Immunsystem, das es gegen Überforderung und vor der Einwirkung neuronaler Gewalt schützt. Der krankmachende „Feind“ kommt nicht über Bakterien und Viren von außen – er sitzt unsichtbar und nichterkennbar im Innern des Leistungssubjekts. Deshalb besteht die Hauptgefahr im „Ausbrennen“: Irgendwann erstarrt das Leistungssubjekt. Alles war zuviel und nichts ist mehr möglich! Die ehedem arbeitende, strebend-zugreifende Hand kann nicht mehr zugreifen.

These: Die Erschöpfungsmüdigkeit wirkt in der Leistungsgesellschaft als innere Schranke für die Maximierung der Produktion. Die Dynamik des gesellschaftlich Unbewussten muss sich zu einer neuen Form gesellschaftlichen Zusammenlebens und Produzierens finalisieren.

Sechster Schritt: Unter welchen Bedingungen kann es eine muße-orientierte Arbeitsgesellschaft geben?

Es kann nicht darum gehen, weitere Wellness-Strategien zur Kompensation von der Schäden neuronaler Gewalt auf den Markt zu werfen. Not-wendend ist vielmehr eine Kritik der Strukturen, Produktions- und Lebensweisen, die Erschöpfungsmüdigkeit hervorbringen. Wie muss das Leben und die Produktion strukturiert sein, um Muße nicht nur zu ermöglichen, sondern als Zweck der Produktion zu etablieren?

Was aber jedefrau und jedermann vorbeugend tun kann, ist: Grenzen setzen! Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Werk-Tag und Sabbat, zwischen Arbeits-Tagen und Urlaub.

Sich abgrenzen und abschotten von der jederzeitigen Erreichbarkeit und dem Zuviel an allem. Sich regelrecht die Zeit-Räume zurückerobern, die uns die kapitalistische Leistungsgesellschaft genommen hat. Aber all das geschieht nur zur Selbstrettung. Es ersetzt nicht die Aufgabe, die „krankmachenden“ Strukturen zu überwinden.

......................................................................... Finis ....................................................................

 

AutorInNen: 
Wolfgang Ratzel