Wahnsinnsfrauen

Im Ankündigungstext zu dieser Veranstaltung hieß es, dass ich einige Wahnsinnsfrauen vorstellen werde. Es gibt drei Bände „WahnsinnsFrauen“.Ich möchte zunächst mit der Biographie der Schriftstellerin Adelheid Duvanel beginnen.

Adelheid Duvanel (1936-1996)

„Sie wurde von einem Reiter aufgefunden, im Wald, in der Nacht vom 7. auf den 8. Juli 1996. Erfroren sei sie. Im Juli.“

Seit sie 17 war, hatte sie unzählige Selbstmordversuche unternommen. Auch ihren nächsten Vertrauten sei sie letztlich fremd geblieben. Sie hat keine Interviews gegeben und nach Lesungen wollte sie keine Diskussion. Sie hat ihr Werk hinterlassen, Fiktion, Geschichten.

Ihr Vater war hochangesehener Jurist und strenggläubiger Katholik, ihre Mutter aus gutem Hause. Schon früh erlebt sie Kälte und Leere im geordneten Elternhaus. Sie hungert nach Wärme und Geborgenheit. Mit sieben schreibt sie ihre ersten Gedichte.

Für die Eltern ist Schreiben kein Beruf, sie solle einen richtigen Beruf erlernen. Aus gesundheitlichen Gründen muß sie eine Lehre als Textilzeichnerin abbrechen. Sie besucht eine Kunstgewerbeschule. Das Malen gibt sie in der Ehe mit einem Maler auf, erst später wird sie es wieder aufnehmen. Seit 1963 ist sie mit dem Kunstmaler verheiratet, 1964 wird ihr Kind geboren. Die Ehe ist schwierig. Ihr Mann verletzt sie ständig zutiefst. Er hat immer wieder Freundinnen, mit einer hat er ein Kind. Mutter und Kind ziehen zu ihnen. Auch die Baseler Boheme geht in ihrem Hause aus und ein. Frauen sind in diesem Milieu nicht gleichberechtigt, schon gar nicht eine Frau, die eigene Begabungen hat. Und sie? Sie ist ihrem Mann hörig, ist zu allem bereit. Der Mann fasziniert sie. Sie muß arbeiten, um die Familie durchzubringen. Er nutzt sie aus. Sie läßt sich zwar 1985 scheiden, kommt aber bis zu seinem Tod nicht von ihm los. Sie läßt nie den Wohnungsschlüssel im Schlüsselloch stecken, es könnte ja sein. Sein Selbstmord im Dezember 1986 trifft sie tief. Das Kapitel war überschrieben mit: „Kein Schutz in der Kleinfamilie“.

Das nächste: „Auf der Schattenseite des Lebens“. Sie schreibt „von den Menschen auf der Schattenseite des Lebens, den Kindern, den psychisch Kranken, den Drogenabhängigen und AlkoholikerInnen. Und sie weiß, wovon sie schreibt. Sie kennt die Hölle einer Ehe zu dritt, sie hat sich unzählige Male in einer psychiatrischen Klinik aufgehalten, sie weiß um den verführerischen Trost, den Drogen geben können. Sie braucht ihre Geschichten nicht zu erfinden, denn die Realität, die sie erlebt, geht weit über das Vorstellbare hinaus. Eine Grenzgängerin ist sie, die immer zwischen Leben und Tod steht, zwischen Krankheit und Gesundheit, Realität und Traum.“

Ihr machen noch andere Dinge zu schaffen. Ihre Tochter ist drogenabhängig und aidskrank. Und sie lebt unter dem Existenzminimum. Wenn sie kein Geld mehr hat, findet sie Unterkunft in der Psychiatrie. Dort hat sie wenigstens zu essen. Auch in einem Dorf in Spanien findet sie Zuflucht. Im Juli 1996 wollte sie mit ihrer Tochter und ihrem elfjährigen Enkelkind dorthin fahren, das Enkelkind sollte aber mit Pflegeeltern in die Ferien fahren und hätte nicht mitkommen können. Adelheid war zutiefst enttäuscht. Zu ihrem Enkelkind hat sie ein inniges Verhältnis, das Kind findet bei ihr immer wieder Zuflucht. In ihren Texten gehören Kinder zu den Ausgestoßensten dieser Gesellschaft. Oftmals sind sie subtilen Gewaltformen ausgesetzt.

Ihr erster Band mit Geschichten erscheint 1976. Eine zweite Autorin hat das Buch. Die Fotos der beiden Autorinnen seien trostlos. „Nirgendwo hinzugehören, schon damals.“

In ihrem Tagebuch „März 1981“ schildert sie ihren Aufenthalt in der Psychiatrischen Universitätsklinik in Basel. Sie schreibt: „,daß niemand von uns verrückt ist. Wir haben es nur schwer, die gangbaren Wege zu finden. Wir mühen uns ab auf den nicht gangbaren. (…) Zuerst habe ich mich geweigert, Pillen zu schlucken, doch dann merkte ich, daß ich ohne Medikamente ausrutschte, abwärts glitt, fiel. Auf den nicht gangbaren Wegen verliert man sich immer, weil niemand dort rodet, Brücken baut oder Stufen in die hohen Wände schlägt.“ Unter den Nebenwirkungen der Medikamente leidet sie, „die eine (Droge) bewirkte, daß ich nicht mehr lesen konnte und unruhig war, die Gegendroge, die mir daraufhin verschrieben wurde, verunmöglichte mir das Schreiben.“ Beides waren Tätigkeiten, die für sie existentiell wichtig waren. Im Laufe der Jahre werden ihre Texte knapper, verschlüsselter, unzugänglicher. Sie würden zunehmend fordern, sich in eine unvertraute Denklogik zu verirren. In ihrem letzten Band ist eine Veränderung festzustellen, die Mut mache. In die umschlingende, erstickende Ausweglosigkeit mische sich ein Quentchen Widerstand. Eine Geschichte trägt den Titel „Wut“. Die Menschen kämpfen, lassen sich nicht mehr alles bieten, wehren sich. Adelheid Duvanel kennt, wovon sie schreibt. Sie kennt die Süchtigen, die Obdachlosen, die psychisch Kranken.

Im Frühsommer 1996 leidet sie zunehmend darunter, daß das Schreiben ihr unmöglich geworden ist. So weiterzuleben ist ihr unvorstellbar. Seit Wochen habe sie keine Zeile geschrieben. Schon früher bei den Psychiatrieaufenthalten hatte sie nicht geschrieben, sondern gemalt.

„Von den Bildern geht eine ungeheure Bedrohung aus. Da sind zuerst einmal die starken Farben, die den Blick schonungslos auf sich ziehen. Doch vor allem offene Kindermünder, stumme Schreie, Tiere in Angriffsposition gehen unter die Haut. Ein Ausweichen ist nicht möglich. Gewalt ist überall, der Schrecken der gezeichneten und gemalten Frauen und Kinder fährt in die Knochen. Allein mit diesen Bildern, möchte man nur noch davon rennen. Noch direkter als in den Texten gibt Adelheid Duvanel der Hoffnungslosigkeit, Trostlosigkeit Ausdruck. Auf einigen Zeichnungen steht, in dicken Lettern, 'Verzweiflung', 'Aids', 'Finanzielle Not', 'Die Ermordung der Blume', 'Totenvogel'. Das sind die Realitäten, in denen Adelheid Duvanel lebt. Von ihr schreibt sie und diese malt sie.“

„In den letzten Monaten vor ihrem Tod ist sie sehr krank. Sie hat starke Schmerzen, überall. Die Medikamente helfen nicht mehr.“ Sie schluckt noch ein paar Pillen zusätzlich zu den großen Mengen, die sie normalerweise einnimmt. Dann legt sie sich in den Wald, den sie seit ihrer Kindheit liebt.

Mit welchen Erfahrungen haben sich die Wahnsinnsfrauen auseinanderzusetzen?

Liebloses Elternhaus

Die meisten Frauen sind in einem bürgerlichen Elternhaus aufgewachsen. Aber auch wenn die Eltern wohlhabend waren, erlebten manche Kälte, Leere und Einsamkeit. Meistens hatte der Vater kein Verständnis für die beruflichen Ambitionen der Töchter. Oder sie verlangen die Trennung von den Verlobten, wie bei Ellen West, die in eine tiefe Depression fällt, wobei auch ihre Tablettensucht beginnt. Oder die Väter sind ihren Frauen untreu. Ida Bauers Vater war ein Lebemann, der ihrer Mutter Sypilis beschert. Oder sie üben gar körperliche und ev. sexuelle Gewalt aus.

Drei Frauen sind in sehr armen Elternhäusern aufgewachsen. Seraphine Louis verlor im Alter von 6 oder 7 Jahren ihre Eltern. Adalgisa Conti wächst in einer Wohnküche mit 17 Kindern auf, wovon 7 überleben. Der Vater war Trinker. Christine Lavant war schon als Kind dem Tode nah. Ihr Leben war durch Armut, Angst und Krankheit geprägt. Auch Marilyn Monroe hatte eine schwierige Kindheit, die Mutter kam in die Psychiatrie und ihre Bezugspersonen wechselten ständig. Aus Angst, ins Waisenhaus zu kommen, heiratete sie schließlich. Die Mutter von Virginia Woolf war von der Großfamilie völlig erschöpft und starb früh. Virginia wurde durch Stiefbrüder sexuell belästigt. Ihr Vater machte den Kindern das Leben zur Hölle, nach seinem Tod brach sich ihr Wahn Bahn.

Krankheiten und Todesfälle von geliebten Menschen

Nelly Sachs erschütterte der Tod ihrer Mutter, mit der sie ins Exil geflohen war. Adele Hugo schockierte der Tod ihrer Schwester. Der Tod ihres Sohnes ließ Else Lasker- Schüler verzweifeln. Die Tochter von Adelheid Duvanel war drogensüchtig und aidskrank. Auch in Kate Chopins Familie waren Krankheiten und Todesfälle an der Tagesordnung. Einige (wie Ellen West) haben auch mit psychischen Erkrankungen in ihrer Familie zu tun.

Schreckliche Erfahrungen mit Männern

Für viele Frauen war ein Leben als Nur- Hausfrau und Nur- Ehefrau unerträglich.

Männer nutzten die Frauen für ihre Zwecke aus. So profitiert der Bildhauer Rodin von der Arbeit Camille Claudels. Sabine Spielrein war der Fall des Psychoanalytikers Jung, sie wurde seine Geliebte und er mißbrauchte sie für seine berufliche Karriere. F. Scott Fitzgerald nutzte seine Ehefrau Zelda aus. Ihre Sachen erschienen oft unter seinem Namen. Ihr Schreibtalent mußte sie seiner Berühmtheit unterordnen. Sie stirbt schließlich den Flammentod in der Psychiatrie.

Unica Zürn ist Hans Bellmers Modell, sie stürzt sich schließlich aus seinem Fenster. Die Männer versuchten mit dem Sexidol Marilyn Monroe das schnelle Geld zu verdienen.

Der Mann von Adalgisa Conti ist für seine Frauengeschichten bekannt und erklärt sie für verrückt.

Oft sind die Männer untreu. Die Geschichten von Milena Jesenska, Elfriede Lohse- Wächtler und Adelheid Duvanel sind dafür beispielhaft.

Der Mann Walden von Else Lasker- Schüler lernte eine junge Schwedin kennen, sie ließen sich scheiden. Für sie war das eine abgrundtiefe Kränkung, sie fühlte als Frau und Künstlerin zurückgewiesen. Auch der Mann von Sylvia Plath zog zu einer anderen Frau. Sie war alleinerziehend mit zwei sehr kleinen Kindern und brachte sich um. Adele Hugos Trauma war Pinson, der Frauenheld und Dandy war und in den sie sich unsterblich verliebte. Lore Berger erkrankte schwer nach einem unglücklich verlaufenden Liebeserlebnis.

Irmgard Keuns Männer waren Alkoholiker. Auch Anne Sextons Ehemann förderte Alkoholexzesse. Sie verliebte sich schließlich in ihren Psychoanalytiker und ging eine sexuelle Beziehung mit ihm ein. Nach dem Ende dieser Beziehung brach ihre Welt ein. Auch Zelda Fitzgeralds Mann trank immer mehr und machte sie lächerlich, als sie wieder zu Tanzen begann, was eher eine Tragödie war. Im Leben von Seraphine Louis haben Männer keine Rolle gespielt.

Christine Lavant heiratete einen alten ruinierten Gutsbesitzer aus Mitleid und pflegte ihn bis zu seinem Tod. Die Liebe zu einem Maler blieb unerfüllt. Nachdem Kate Chopins Mann gestorben war, wurde ein Nachbar ihr Geliebter, der der Umgebung das Leben schwer machte.

Elizabeth Packards Mann sorgte dafür, dass sie in die Psychiatrie kam, nur weil sie sich gegen ihn wehrte. Er sperrte sie sogar im Haus ein.

Gesellschaftliche Ursachen: nur einige Beispiele

Virginia Woolf bringt sich um, als ständig deutsche Bomber über das Haus in der Einöde fliegen, in das sie aus London fliehen mußte.

Irmgard Keun lebt einige Jahre illegal in Nazideutschland.

Milena Jesenska stirbt im KZ Ravensbrück.

Riesengroße Einsamkeit

Immer wieder ist von Einsamkeit die Rede. Bei Sabine Spielraum ist im Alter von 20-25 viel von Einsamkeit die Rede. Auch bei Ellen West heißt es „grenzenlose Einsamkeit und Leere“.

Im Exil fühlte sich Else Lasker- Schüler grenzenlos verlassen. Sie fühlte sich immer mehr vereinsamt und schließlich verfolgt. Eine ihrer letzten Zeichnungen zeigt eine Gestalt in langem Gewand mit dem Profil des Prinzen von Theben (so ist sie früher aufgetreten), die sich an einem Baum erhängt hat. Darunter steht: „Im Grauen der Einsamkeit“.

Auch Nelly Sachs ist im Exil sehr einsam. In ihren Gedichten schreibt sie über Angst, Einsamkeit und Spachnot: „Das Leiden ist gepaart mit Einsamkeit. Wer einsam ist, ist schutzlos- den äußeren und inneren Verfolgern anheimgegeben. Keiner schaut hin, es ist ein Verlassensein, ein 'reißendes Feuer'. Der Einsame versucht sich zu verstecken, verhüllt sich, versteinert, erblindet. Die Einsamkeit ist erschreckend, jede Abwehr verstärkt sie, die Kruste, die keinen Schutz gewährt, schmerzt.(...) Sprachnot gehört wesensgemäß zur Einsamkeit. Die Sprache der Leidenden zerbröckelt in unverständliche Buchstaben, in vorsprachliches Singen, in reine Schnalzlaute. Die Kommunikationsfunktion geht verloren, keiner hört zu, und wer es dennoch tut, versteht nichts.“

Armut. Leben unter dem Existenzminimum

Immer wieder ist von finanziellen Sorgen und schlimmster Not die Rede. Für Else Lasker- Schüler insbesondere in den 1920er Jahren.

Sie waren Frauen, die aus dem Rahmen fielen.

Zelda Fitzgerald wehrt sich schon früh gegen strenge Konventionen. Else Lasker- Schüler befreite sich aus bürgerlichen Bindungen.

Der Wille berufstätig zu sein, mußte bestraft werden

Zum Beispiel bei der Juristin Emilie Kempin, der Geisteswissenschaftlerin Helene von Druskowitz und der Bildhauerin Camille Claudel.

Selbstmord

Duvanell, Gileman, Anne Sexton, Lore Berger, Sylvia Plath, Unica Zürn, Virginia Woolf

Aufenthalte in der Psychiatrie

Theroigne de Mericourt, Diagnose „Politischer Fanatismus“ 22 Jahre (1794-1817)

Helene von Druskowitz 26 Jahre (1891-1918)

Camille Claudel 30 Jahre (1913-43)

Seraphine Louis 10 Jahre (1932-42)

Adalgesi Conti 70 Jahre (1913-1983)

Auswege

Dichten

Schreiben als Bewältigungsstrategie, Krankheit als Verstummen

Nelly Sachs: Sie hatte sich bereits in Dichtungen mit dem Wahnsinn beschäftigt.

In ihren Gedichten schreibt sie über Angst, Einsamkeit und Spachnot:

„Das Leiden ist gepaart mit Einsamkeit. Wer einsam ist, ist schutzlos- den äußeren und inneren Verfolgern anheimgegeben. Keiner schaut hin, es ist ein Verlassensein, ein 'reißendes Feuer'. Der Einsame versucht sich zu verstecken, verhüllt sich, versteinert, erblindet. Die Einsamkeit ist erschreckend, jede Abwehr verstärkt sie, die Kruste, die keinen Schutz gewährt, schmerzt.(...)

Sprachnot gehört wesensgemäß zur Einsamkeit. Die Sprache der Leidenden zerbröckelt in unverständliche Buchstaben, in vorsprachliches Singen, in reine Schnalzlaute. Die Kommunikationsfunktion geht verloren, keiner hört zu, und wer es dennoch tut, versteht nichts.“

„Am Geländer der Sprache tastet sie sich in die Felder des Schweigens hinein, sucht Worte für Erlebtes, Namen für Erahntes. Die erlebte Einsamkeit, das erfahrene Verlassensein war immer schon lebensgefährlich für Nelly Sachs.“

„Sprache ist das Element des Lebens in der Welt und in der Gemeinschaft der Menschen.

Sprachlosigkeit gehört wesensgemäß zum Leiden der Einsamen (…) Schweigen ist schon Todeszeichen.“

Sylvia Plath: „Die Basis ihres Selbstwertgefühls war das gelingende Schreiben. Sobald sie über längere Zeit, aus welchen Gründen auch immer, dieser Basis beraubt war, geriet sie unweigerlich in Panik, Depression, körperliche Krankheiten. Ihre naheliegende Schlußfolgerung war: unbedingt Lebensbedingungen zu schaffen, die vor allem anderen Freiräume für ihr Schreiben gewährleisteten.“ Alle möglichen Todesarten hatte sie erwogen. Eine Vorstellung davon findet sich im Roman „Die Glasglocke“, den sie Ende der 50er Jahre geschrieben hat. Ihr Mann verbrannte die Aufzeichnungen der letzten Jahre vor ihrem Tod.

Anne Sexton „Sextons Therapie ermöglichte ihr das Schreiben, und ihr Schreiben kreiste um die Therapie. Schreiben und Therapie waren auf merkwürdige Weise ineinander verknotet (…) erst in der Therapie lernte sie, ihre Symptome in Sprache zu transformieren.“

Sie begann an Poetry Workshops teilzunehmen und wurde systematisch geschult. Sie schrieb bis zu vier Gedichte am Tag. Für sie bedeutete Schreiben immer vor allem eins: „Anschreiben gegen den Tod (…) Sie schrieb manisch, besessen, wie im Rausch“

Else Lasker- Schüler

Ihre Exzentrizität wurde an ihrer Kleidung und ihrem Schmuck festgemacht. „Sie wollte mit ihrer ganzen Persönlichkeit ausdrücken, worum es ihr in ihren Dichtungen ging: um absolut Neues, 'Nie- Dagewesenes', um eine radikale Erneuerung der Kunst.“

Virginia Woolf: Ihr Körper war zu nichts nutze. „Ihr Werk, ihr Buch muß diesen Körper fortan ersetzen(...)“

„Sie mußte sich durch rastlose Arbeit (…) und stets neue Bücher immer wieder eine bergende Hülle schaffen, um sich nicht aufzulösen, nicht auszubrechen.“

In den letzten vier Jahren konnte sie sich immer weniger den Schrecken der Vergangenheit entziehen. 1939 begann sie ihre autobiographische Skizze der Vergangenheit, wo sie tief in die Zeit ihrer Kindheit versank und erkannte, worin die Tragödie ihres Lebens begründet lag. „Das ertrug sie nicht. Im November 1940, fünf Monate vor ihrem Tod, brach sie die Aufzeichnungen ab.“

Am 21. März sagte sie, dass sie nicht mehr schreiben könne. Sie schrubbe Fußböden, das lenke sie ab. Am 28. März 1941 beging sie Selbstmord, sie ging ins Wasser.

Agnes von Krusenstjerna: „So bleibt ihr gesamtes Werk das immer wiederholte Herantasten an die Autobiographie: Auch sie hatte Schwierigkeiten mit ihrem Leben. Sie hatte sie in doppelter Weise: Sie muß es leben und im Werk wiedererleben und beschreiben (…) Nur solange sie 'wie eine Wahnsinnige' schreibt, ist sie gesund.“

Ellen West: Sie war ein berühmter Fall. Sie hat den „lautlosen Schrei nach Liebe“ in ihren Gedichten und Tagebüchern festgehalten.

Sie schreibt in ihr Tagebuch: „Wenn uns alle Fugen der Welt auseinanderzureißen drohen, wenn das Licht unseres Glücks erloschen ist und unsere Lebenslust im Verwelken liegt, so rettet uns nur noch eins vom Wahnsinn: die Arbeit.“

„Sie wollte herausfinden, wer sie wirklich sei. Systematisch wurde sie aber daran gehindert.“

Nach dem Tode wurde unter Verschluß gehalten, was sie geschrieben hat.

Lore Berger (1921-43): Sie reichte ihren Roman „Der barmherzige Hügel“ zu einem Wettbewerb ein. Vier Wochen später war sie tot. Sie stürzte sich vom Wasserturm, dem Wahrzeichen des „barmherzigen Hügels“. Sie war an schwerer Magersucht erkrankt.

„Gewöhnliche Menschen kann sie nicht ausstehen, der tägliche Trott ist ihr verpönt, ein Leben, wie es von den meisten Menschen geführt wird, ist für sie keineswegs erstrebenswert.“

Sie wehrte sich gegen das Stumpfwerden, für sie gleichbedeutend mit Funktionieren.

Malen

Seraphine Louis

„Das einzige, das von ihr blieb, sind – ihre Bilder.“

„Die Polizisten, die bei der großen Seraphine- Louis-Retrospektive in Senlis 1972 die Ausstellung bewachten, konnten es nicht lange in dem Saal aushalten und verlangten nach wenigen Stunden, abgelöst zu werden. Tatsächlich geht von den Bildern eine beunruhigende Wirkung aus, die auf den ersten Blick schwer zu erklären ist.“

„Diese 'Besessenheit' hat in der Tat etwas Geheimnisvolles, zu der sie auch durch ihre eigene Haltung beitrug. So ist z.B. die Zusammensetzung ihrer selbstgemischten Farben bis heute unbekannt.“

Psychoanalytikerin

Sabina Spielrein war der Fall von Jung. Sie studierte Medizin und wurde Psychoanalytikerin. Mit 56 und ihren zwei Kindern wurde sie von den Nazis erschossen.

Frauenrechtlerin

Anna O./ Bertha Pappenheim: Sie war bis 29 krank und hatte das gängige Heiratsalter überschritten.

1888 übersiedelte sie mit ihrer Mutter nach Frankfurt. 1890 half sie in einer Suppenküche für Ostflüchtlinge. Ihr Interesse an Frauenfragen und an der Arbeit der deutschen Frauenbewegung wurde immer größer, sie setzte sich für jüdische Frauen ein. Die Vorstellungen und Formen sozialer Arbeit sind von weitreichender Bedeutung für die Sozialarbeit in Deutschland. Sie entschied sich dafür, selbst aktiv zu sein und politische, soziale und sozialkritische Arbeit zu leisten. Sie entschied sich für den Beruf, und verzichtete auf Initimität. Sie trat für die Gleichstellung der Frau ein. Sie teilte die Ideale des konservativen Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung, Mütterlichkeit sollte nicht nur auf die Familie begrenzt sein. Sie engagierte sich für Waisenkinder, verelendete Mädchen und Frauen. 1934 brachte sie jüdische Waisenkinder in Sicherheit. 1936 verstarb sie.

Das von ihr gegründete Heim wurde von den Nazis geschlossen, die wenigen verbliebenen Bewohner nach Auschwitz deportiert. Freud sprach in seiner ersten Vorlesung fast ausschließlich über Anna O.

Charlotte Perkins Gilman (1860-1935): 1890 schrieb sie „Die gelbe Tapete“. Ihr Kind ließ sie von ihrem Ex-Mann und dessen Frau aufziehen. Ihren Wunsch, als Sozialreformerin zu wirken, konnte sie mit den Pflichten einer Mutter nicht vereinbaren. Sie zog zu einer Schriftstellerin, deren zärtliche Liebe füreinander hielt 20 Jahre. 1900 heiratete sie ihren Vetter und die Ehe war 34 Jahre sehr glücklich. Sie war Feministin und Sozialistin und geriet oftmals zwischen die Fronten, wurde in keiner richtig heimisch.

Elizabeth Packard (1816-1897):

Im 19. Jahrhundert war es in den USA einem Ehemann rechtlich gestattet, seine Frau ohne viel Umstände in eine Irrenanstalt zu verfrachten. Der Ehemann brauchte nur die Zustimmung des Leiters der Anstalt. Der Pfarrer Theophilus Packard ließ im Jahre 1860 seine Ehefrau in eine Irrenanstalt einweisen, wo sie drei Jahre zubrachte.

In der Anstalt hatte sie ein eigenes Zimmer und konnte sich frei bewegen. Von den düsteren Gebäuden der Anstalt bekam sie wenig mit. Besucher stellten fest, dass sie geistig bei bester Gesundheit war. Sie war offiziell der Station 7 zugeordnet, fast alles Ehefrauen, die ihr keineswegs verrückt erschienen. Sie stellte eine 16 Seiten lange Liste mit Mißständen und Mängeln in der Anstalt auf. Deshalb wurde sie in die geschlossene Abteilung verlegt.

„Sie überredete die verdreckten und verwahrlosten Frauen, sich von ihr baden zu lassen, sie schrubbte eigenhändig die Fußböden, erneuerte die teils völlig verrotteten Matratzen oder besserte sie aus und reinigte sie und lüftete die Betten. Bei all dem wurde sie unterstützt von den beiden Wärterinnen und der Aufseherin, die wohl auch der Meinung waren, daß Elizabeth nicht in eine Anstalt gehörte. Als sie alle Patientinnen und die Räume gesäubert hatten, waren 3 Wochen vergangen. Und es war Zeit, wieder von vorn anzufangen. Auf diese Weise verging ein Jahr: Station 8 galt nun als die schmuckste der ganzen Anstalt.“

Elizabeth kam mit Hilfe ihres Sohnes wieder raus und begann zielstrebig mit ihrem Kampf für die Rechte der Frau bei der Einlieferung in eine Anstalt. In 15 Fällen gelang es ihr, die Rechtssprechung zugunsten der Frauen zu beeinflussen.

„Elizabeth entwickelte sich, einmal auf sich gestellt, erstaunlich schnell zu einer überaus erfolgreichen Autorin, Geschäftsfrau und Aktivistin für den Schutz der Frauen vor männlicher Einweisungswillkür.“

Er dagegen ruinierte sein Leben und das der Kinder, vor allem das der einzigen Tochter.

Sie forderte wiederum eine Gesetzesänderung für Einweisungen in Anstalten. Das Gesetz wurde ergänzt, sie war hochzufrieden. Sie fand mächtige Verbündete und ihr Gesetz wurde ratifiziert. Der Anstaltsleiter wurde angeklagt, er aber kramte den „Liebesbrief einer Wahnsinnigen“ hervor, was sie hilflos machte. Danach kämpfte sie um das Sorgerecht. Am 3. Juli 1869 feierte sie Wiedervereinigung mit den Kindern.

Sie trug schließlich zur Veränderung von 21 Gesetzen bei. „Sie verdiente mit ihren Werken 50 000 Dollar, die Hälfte davon gab sie für 'Wahnsinnige' aus.“

Ihre Tocher war eine der Wahnsinnigen, sie starb ein Jahr nach der Mutter.

Im Buch wird sie mit Kate Milett, der Autorin des Buches „Der Klapsmühlentrip“, verglichen.

Beispiele von Wahnsinnsfrauen

Milena Jesenska (1896-1944)

Sie war ein verwöhntes Kind aus einem reichen Prager Haus.

Sie war eine starke, emanzipierte Frau, eine berühmte Journalistin. Eine hoch gebildete Intellektuelle im aufklärerischem Sinne. Sie war exentrisch und verstieß gegen Konventionen.

Doch auch ihre Stärke wurde ihr im Patriarchat zum Verhängnis.

Zweimal saß sie in Irrenanstalten, vier Jahre im Konzentrationslager. Mit 48 stirbt sie im KZ Ravensbrück.

Nachdem Milena ins Gymnasium kommt, erkrankt die Mutter schwer. Sie hatte ein sehr liebesvolles Verhältnis zu ihrer Mutter und pflegte sie sechs Jahre. Der Vater war ein „vitaler Lebemann“, der die Mutter betrog. Milena hatte ein differenziertes Bild von ihrem Vater, dem Repräsentanten des Patriachats. Sie bewunderte seine gesellschaftliche Stellung als Arzt und Wissenschaftler und verabscheute sein despotisches Verhalten.

Sie erlernt die Fähigkeit, Frauen zu lieben.

Die Mutter stirbt 1913 und für Milena begann mit 17 ein neues Leben. Sie erregte Aufsehen mit ihrer exzentrischen Kleidung. Sie ging in Künstler- und Literatencafes in Prag. Sie war Stammgast im Cafe Arco. Dort lernte sie ihren ersten Ehemann kennen. Er war ein „Literat ohne Werk“, er inspirierte die anderen. Ihr Vater wollte die Beziehung unterbinden Er ließ sie in ein Irrenhaus einliefern. Knapp 10 Monate war sie in der Irrenanstalt. Ihr wurde „krankhaftes Fehlen moralischer Begriffe und Gefühle“ attestiert.

Nach Milenas Rückkehr willigte der Vater in die Heirat ein, das Paar sollte allerdings nach Wien ziehen.

Gleich nach der Ankunft in Wien, noch auf dem Bahnhof, ließ Polak seine junge Frau stehen, um seine vermutlich ihm schon aus Prag bekannte Geliebte aufzusuchen und gleichzeitig Milena anzudeuten, daß er sich nicht um sie kümmern werde und sie keinen Anspruch auf ihn hätte. Milenas Wiener Jahre, sie dauerten von 1918 bis Anfang 1925, waren gekennzeichnet von Verzweiflung und bald auch finanzieller Not.

Polak war in seinem Element, die Kaffeehausliteraten waren eine reine Männerkultur, Frauen hatten nur eine marginale Bedeutung, nicht Menschen, mit denen man spricht, sondern über die gesprochen wird.. Polak überließ Milena ihrem Schicksal, sie war sehr einsam. In der ehelichen Wohnung lebte nun auch Polaks Geliebte. Trotzdem liebte sie ihn...

Milena gelingt aber der journalistische Durchbruch. Auch ihr Interesse an Kafkas Werken erwachte, sie wollte ihn übersetzen. Daraus entstand ein reger Briefwechsel, bis beiden ihre Liebe zueinander offenkundig wurde. Sie schöpfte Trost aus Kafkas Zuwendung und Wärme, aus seinem Interesse an ihrer Person. Schließlich besuchte Kafka im Juni 1920 Milena in Wien. Sie verbrachten vier glückliche Tage. Kafka löste seine Verlobung und drängte Milena sie zu heiraten. Milena wurde aber immer noch von Polak in Bann gehalten, obwohl sie Kafka wirklich liebte. Im August 1920 verläuft eine Begegnung zwischen Kafka und Milena unglücklich, Kafka ist schon schwerkrank.

1925 kehrt Milena nach Prag zurück. Sie war aufsehenderregend, die „große Welt“. Sie kam mit den Ideen des Sozialismus und Marxismus in Berührung. Prag erlebte eine geistig- kulturelle Blütezeit, Milena war Redakteurin einer Frauenseite und scharte um sich intellektuelle Frauen.

1926 lernte Milena einen Architekten kennen, es war Liebe auf den ersten Blick. Sie erwartet mit 32 ein Kind. Einen Monat vor Geburt des Kindes bricht sie zusammen, ihr Mann hat sie mit Gonorrhoi infiziert. Milenas Schmerzen werden mit Morpium gelindert. Sie wird morpiumsüchtig und erleidet berufliche Rückschläge. Der Architekt beansprucht für sich sexuelle Freizügigkeit. 1934 geht er in die SU, Milena bleibt, die erzwungene Treue zum stalinistischen Dogmatismus wurde ihr zutiefst zuwider.

Wegen ihrer allgemein bekannten kommunistischen Gesinnung verliert sie die Stellen als Mitarbeiterin an liberaleren Zeitungen; ihre Gesichtszüge werden angesichts der Geldnöte und der Morpiumsucht härter, sie veränderte sich äußerlich

in den düsteren dreißiger Jahren ging sie gern ins Kino

1936 tritt sie aus der kommunistischen Partei aus

1937 wurde ihr eine feste Stelle in einer Radaktion angeboten, sie ging zehn Tage in eine psychiatrische Anstalt, war von der Drogensucht befreit (Entzug)

seit dem Einmarsch der Nazis in der Tschechoslowakei hatte sie kein Privatleben mehr, sie schrieb Artikel, ihre Wohnung war Zufluchtort etc.

am 11.11.1939 wurde Milena verhaftet, bis Juni 1940 war sie im Gefängnis in Dresden

Ende Oktober 1940 wurde sie in das KZ Ravensbrück abtransportiert

ihre bloße Erscheinung war ein ständiger Protest gegen das Lagerregime, sie strahlte eine starke Individualität aus

„Milena war für die anderen eine geistige Stütze. Sie war sehr diszipliniert und setzte sich über Erniedrigungen und Schmerzen hinweg.“

Sie verband eine große Freundschaft mit Margarete Buber- Neumann.

Am 17. Mai 1944 starb sie.

Elfriede Lohse- Wächtler (1899-1940)

„Die vom Sozialdarwinismus vorbereitete Euthanasie- Ideologie mündete in Deutschland nach der Machtergreifung Hitlers 1933 in die 'Vernichtung unwerten Lebens', wie die Verantwortlichen dieser Aktion es nannten, denn es wurden nicht nur 'Geisteskranke' ermordet, sondern auch jene, die keinen 'Nutzen' versprachen. Die Vernichtung Hunderttausender Insassen von Heil- und Pflegeanstalten war sozusagen eine Vorübung- es wurden Tötungsarten erprobt- für die spätere Ermordung von Millionen KZ-Insassen.Höhepunkt der Massenvernichtung von sogenanntem 'lebensunwerten Leben' war die 'Aktion T4'. (...)Die Diagnose Schizophrenie oder ein Mindestaufenthalt von fünf Jahren in einer Anstalt waren ein sicheres Todesurteil (…) In Deutschland gab es sechs Heilanstalten, die zu Vergasungsanstalten umgebaut worden waren. Dorthin fuhren die Busse, die Menschen mußten aussteigen, ihre Identität wurde anhand der Meldebögen festgestellt, dann mußten sie sich entkleiden, in einen als Baderaum getarnten Vergasungsraum gehen, wo sie einen qualvollen Tod starben. Die Toten wurden verbrannt, den Angehörigen wurden Totenscheine mit fiktiven Todesursachen zugesandt.

Die Malerin Elfriede Lohse- Wächtler ist eine von diesen Toten.“

In ihren Bildern spiegeln sich „die schmerzvollen Erfahrungen ihres eigenen Lebens ebenso wie die sozialen Umbrüche gegen Ende der Weimarer Republik wider“. Sie malte die hektische Großstadt und die dort lebenden meistens unterprivilegierten Bevölkerungsschichten. Im Vordergrund steht stets die psychische Befindlichkeit. Sie hat auch Mitpatientinnen porträtiert.

Sie wuchs in bürgerlichen Verhältnissen auf, ihr Vater war kaufmännischer Angestellter und entdeckte die außergewöhnliche Begabung der Tochter schon im 2. Lebensjahr. Das Kind war immer beschäftigt, richtete sich eine atelierartige Werkstatt ein. Der Vater wollte sie in bürgerliche Bahnen lenken, zunächst studiert sie „Mode und weibliche Handarbeiten“, aber dann doch „Angewandte Graphik“. Die Auseinandersetzungen besonders mit dem Vater werden so unerträglich, dass die Siebzehnjährige sich in der Dresdner Innenstadt ein (halbes) Zimmer mietet. Den Lebensunterhalt verdient sie mit Batikarbeiten. Wenn ihr Vater abwesend war, machte sie diese Sachen im Elternhaus. Das hieß für die Mutter Umsturz und Chaos in der Wohnung.

Vom Erscheinungsbild her dokumentiert sie ihre Zugehörigkeit zur Dresdner Künstlerboheme. Sie entspricht nicht dem traditionellen Frauenbild, sie ist anstössig z.B. in ihrer Unabhängigkeit. Im Sommer 1918 zog sie in ein Atelierzimmer, das zum Treffpunkt der Dresdner Künstler wurde.

„Der Malerfreund Otto Dix brachte eines Tages einen Freund mit. Es war der Sänger und spätere Maler Kurt Lohse.“ Er zog zu ihr ins Atelier. Er war unzuverlässig, berechnend und träge. Sie arbeitete ständig, er tat eigentlich nichts oder nur sehr wenig. Weder seine Liederlichkeit noch seine oft zur Schau getragene Gleichgültigkeit konnte ihre Liebe zu ihm erschüttern. Sie zogen schließlich in die Sächsische Schweiz, wo sie exzellente Arbeitsmöglichkeiten hatte. Lohse gab leichtfertig das wenig vorhandene Geld aus und machte Schulden. „Alle Anstrengungen Elfriedes, die Schulden zu tilgen, schlugen wegen Lohses Unzuverlässigkeit immer wieder fehl.“ Eines Tages wurde das Häuschen vom Gerichtsvollzieher versiegelt. Er bekam eine Stelle in einem Theaterchor. Beide zogen nach Görlitz. 1923 trennte sich das Paar und sie zog in ein Atelier der Dresdner Kunstakademie. Er zog nach Hamburg und erkrankte schließlich 1925 zog sie ihm nach, um ihn zu pflegen. Sie trennten sich erneut im Herbst 1926, weil er ein Verhältnis mit einer anderen Frau eingegangen war.

„Aus der Beziehung zwischen Lohse und seiner Geliebten Elsa Haun gingen in kurzer Zeit mehrere Kinder hervor. Elfriede Lohse- Wächtler, die sich sehnlich ein Kind wünschte, während ihrer Ehe mehrfach Abtreibungen hatte vornehmen lassen und einen Abort erlebt hatte, war zutiefst getroffen. Im Oktober 1927 geriet sie in eine schwere Krise, so daß Baader erwog, sie zu sich zu nehmen. Das Zerwürfnis über die Untreue entwickelte sich zu einem irreparablen Bruch, der das Leben der Künstlerin negativ veränderte“ !!!!

Sie blieb trotz der persönlichen Probleme und der Armut in Hamburg. Im Januar 1929 machten sich erste Anzeichen einer psychischen Störung bemerkbar. Sie erlitt einen Nervenzusammenbruch, fühlte sich verfolgt und kam ins Krankenhaus. Schon drei Tage nach der Einweisung begann sie zu zeichnen. Zwei Monaten blieb sie in der Klinik. 1929-31 ist ihre intensivste Schaffensphase, trotz Verkäufen bleibt die Armut der Künstlerin bestehen.

„Die Mittellosigkeit zwang sie zur Unsteigkeit, sie übernachtete häufig in Bahnhofswartehallen. Ihr künstlerisches Interesse an den Schattenseiten des Lebens, an den Menschen, die außerhalb der Gesellschaft standen, ließ sie, selbst schon Außenseiterin, im Nachtleben Zuflucht suchen. (…) Ihr Interesse galt dem Leben der Prostituierten.“

Da sich die materielle und psychische Situation zunehmend verschlechterte, zog sie wieder zurück zu den Eltern.

„Als sie wegen einer schweren, in den Quellen nicht näher spezifizierten Fußverletzung vom 26. März bis zum 17. Juni 1932 im Dresdner Stadtkrankenhaus stationär behandelt wurde, gelang es dem Vater, sie anschließend in die Landes- Heil- und Pflegeanstalt Arnsdorf bei Dresden einweisen zu lassen.“

Ihr labiler psychischer Zustand wurde als „Schizophrenie“ bezeichnet. „Sie war nun psychiatrisch etikettiert und stigmatisiert. Aber weder ihre „Anfallsbilder“ noch ihre Briefe sind als Produkte einer schweren psychischen Störung zu deuten. Sie lehnt sich gegen den Aufenthalt auf. Die ersten drei Jahre in der Psychiatrie war sie vielseitig künstlerisch tätig. Am 10. Mai 1935 wurde auf Antrag von Lohse die Ehe wegen „unheilbarer Geisteskrankheit“ seiner Frau geschieden. Er führte als Argument ihre Malerei als Indiz erblicher Geisteskrankheit an. Am 20. Dezember 1935 wurde sie zwangssterilisiert. Jetzt schien ihre Schaffenskraft weitergehend zu erlöschen. In der Psychiatrie wurde für sie der Hunger alltäglich. Am 31. Juli 1940 wurde sie in Pirna- Sonnenstein ermordet.

Die letzte Zeile an die Mutter war: „Ängstige Dich nur nicht immer so sehr, es wird schon alles wieder gut werden.“

Irmgard Keun (Sucht, Ängste, Depressionen) (1905-1982)

Als sie 1966 zum drittenmal auf der Straße aufgegriffen wird, lautet die Diagnose „Geistesstörung infolge von Sucht. Sie bleibt sechs Jahre in der Klinik.

„Die Alkoholkranke war am Ende ihrer Kraft und ihres Geldes angekommen, unfähig zu schreiben, unfähig, den Alltag zu bewältigen.“

Nach dem ersten Jahr bekam sie keine Behandlung mehr, da ihr nichts fehlte. Der Chefarzt ließ sie einfach dort wohnen, weil niemand, sie selbst eingeschlossen, wußte, wohin mit ihr.

Irmgard Keun klagte zeitlebens über „irrenhausreife Depressionen“ und Angstzustände.

Sie brauchte den Alkohol, um zu schreiben oder unter Menschen zu sein. Sie konnte weder mit Geld, noch mit sich haushalten.

Sie war Autorin von sieben Romanen und vielen kleineren Schriften.

Sie wollte die Möglichkeiten ihres Zeitalters voll ausschöpfen. Früh rebellierte sie gegen ihre bürgerliche Herkunft, ohne sich ganz von ihr zu trennen. Sie wollte als Künstlerin und als Frau Anerkennung erlangen. Sie scheint ein Lehrbeispiel zu sein- für den alltäglichen Wahnsinn einer kreativen Frau, die sich innerhalb der Männergesellschaft verwirklichen will.

Der Alkohol legte tiefere psychische Schichten frei, kommt in Romanen ans Licht

Ihre Protagonistinnen scheinen oft, insbesondere am Romanende, total erschöpft und am Rande des Nervenzusammenbruches. Das Motiv der Flucht kommt häufig vor. In späteren Büchern herrscht Ratlosigkeit, Trauer und Müdigkeit vor. Vor allem die Frauen verstummen. Frauenfeindliche Äußerungen werden immer häufiger.

„Eins ihrer häufigsten Themen ist die Bloßstellung der 'normalen' Gesellschaft, ob kleinbürgerliche Spießer oder nationalsozialistische Opportunisten, meist aus der Perspektive einer (pseudo-) naiven Außenseiterin.“

Für Keun war der Gedanke an den Wahnsinn ein häufiger Begleiter. Bestandteil ihres Selbstbildes war das Bewußtsein, „nicht normal“ zu sein. Ihre schriftstellerische Tätigkeit brachte sie mit psychischer Abnormität in Verbindung.

Sie wurde 1905 in Berlin geboren. War eine intelligente, aber undisziplinierte Schülerin, wollte immer was Besonderes sein. Sie war anfangs eifersüchtig auf den Bruder, hatte das Gefühl, nicht genug zu sein. Die Wertschätzung von Männern war Keun immer wichtig.

„Mädchen auf der Suche“ war der Titel einer Rezension ihrer ersten beiden Romane:

Gilgi und Das kunstseidende Mädchen: wollten in der Weimarer Republik was aus sich machen; die traditionelle Hausfrauenrolle kam für sie nicht in Frage

von 1933-36 war sie am Rande eines Nervenzusammenbruches; heiratete einen Künstler, der auch viel trank, sie hatte Familien-, Arbeits- und Geldprobleme, ihre ersten beiden Romane kommen auf die erste offizielle „schwarze Liste“

Keuns Verrücktheit ist eine „normale“ Reaktion auf wahnsinnige Zustände, Kreativität werden im NS-Staat unterdrückt

künstlerisch sehr produktiv war Keun in der Emigration ab 1936 -1940; ihr Lebensgefährte wird Joseph Roth, der auch alkoholkrank ist; die Frauen verstummen in ihren Romanen

sie hatte immer größere Angst, in die Hände der Deutschen zu fallen, sie fürchtete, in der Zeit der wachsenden Panik wahnsinnig zu werden; beim Einmarsch der Nazis in Holland tauchte sie unter und kehrte mit falschen Papieren zu ihren Eltern nach Köln zurück, fünf Jahre lebte sie illegal in Deutschland, unentdeckt von der Gestapo.

Erst nach 1945 fing sie wieder an, zu schreiben. Sie hatte publizistischen Erfolg, zudem bekam sie 1951 eine Tochter; auch nicht die Bemühungen ihrer Freunde konnten ihren Verfall länger aufhalten. Sie war von der Angst und dem Alkohol zermürbt.

1962 wurde sie in das Landeskrankenhaus Düren eingeliefert, vier Jahre später nochmal von 1966- 72. Nach ihrer Entlassung lebte sie zuerst bei einer Freundin und dann in einer Dachstube in Bonn. Sie versuchte zu schreiben, aber es ging nicht. Sie starb am 5. Mai 1982.

Sie hatte sich in vielem der Anpassung verweigert. Trotzdem versuchte sich sich den Erwartungen der männlich definierten Welt anzupassen.

„Sie trank, um sich Mut zu machen, um sich zum Schreiben anzuspornen, um ihre Ängste zu vergessen. Um sich über die Gespaltenheit ihres Daseins hinwegzutäuschen. 'Jeder Mensch, der trinkt, will sich oder seine Sicht der Welt ändern, was ja aufs selbe rauskommt.“

(Zitat aus dem Roman Ferdinand)

 

aus: Luise F. Pusch, Sybille Duda (Hg.), WahnsinnsFrauen, Band 1-3, Frankfurt am Main 1992, 1995 und 1999

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