Selbstverwaltung in Alternativprojekten

Das richtige Leben im falschen?

Gisela Notz

Angesichts der gesellschaftlichen und ökonomischen krisenhaften Entwicklung, verbunden mit Erwerbslosigkeit, Präkarisierung, Orientierungslosigkeit, sozialer Ausgrenzungen und Armut, kann man der Meinung sein, dass es illusorisch ist über konkrete Utopien nachzudenken, man kann aber auch der Meinung sein, dass es unbedingt notwendig ist, Alternativen zu traditionellen Wirtschaftskonzepten und zur kapitalistisch-patriarchalen Arbeitsgesellschaft, die die sozialen, rassistischen und sexistischen Ungleichheiten immer wieder reproduziert, zu entwickeln.

Wir müssen Antworten finden und „wir müssen sie hier und heute und für das Jetzt finden, denn es gibt kein Jenseits.“ Um Antworten, wird es in diesem Beitrag gehen. Die Leitfrage, die meine Überlegungen durchzieht, zeigt zugleich ein altbekanntes Dilemma: Kann innerhalb des Bestehenden kapitalistischen Systems, im Hier und Jetzt überhaupt ein „Fenster in eine andere Welt aufgestoßen werden? Kann man selbstverwaltete Alternativen entwickeln im Schoße des Bestehenden? Gibt es ein richtiges Leben im falschen? Eine Frage, die Adorno gestellt hat und auf die ich noch eingehen werde. Rudolf Rocker, Anarchosyndikalist und Historiker sagte in seiner Schrift, Der Kampf ums tägliche Brot“, die in den 1920er Jahren erschienen ist:

„Wer den Arbeitern stets nur von dem großen Endziel zu erzählen weiß und ihnen im übrigen einzureden versucht, dass jede Verbesserung innerhalb der heutigen Gesellschaft  für sie zwecklos, ja unmöglich ist, der handelt ungeachtet seines angeblichen „Radikalismus“ nicht anders wie die Pfaffen, die den Hungrigen das Himmelreich versprechen, damit sie sich leichter über die Hölle ihres irdischen Daseins hinwegtäuschen.“ Das möchte ich meinen Ausführungen voranstellen.

In meinem Beitrag geht es um Entwicklung selbstverwalteter Betriebe, wie sie in den 1970er Jahren reihenweise entstanden sind. Es geht um selbstverwaltete Alternativen innerhalb der bestehenden kapitalistischen Gesellschaft, im Hier und Jetzt, um solidarische Arbeits- und Lebensmodelle, um Chancen, aber auch um Risiken und Nebenwirkungen.

Die Alternativbewegung der 1970er Jahre

In engem Zusammenhang mit der StudentInnen-, Ökologie- und Frauenbewegung entstanden in den 1970er Jahren viele Gemeinschaftsprojekte, die den politischem Anspruch verfolgten, demokratische, möglichst selbstbestimmte Betriebsorganisationen zu schaffen, sowie humane Arbeitsprozesse und eine ökologisch verträglichen und gesellschaftlich nützliche Produktion zu ermöglichen. „Alternative“ Lebens- und Arbeitszusammenhänge, selbstverwaltete Betriebe und Projekte der alternativen Ökonomie, „neue“ Genossenschaften und Kommunen gehörten dazu. Im Hier und Jetzt (wie es bereits die Anarchisten Kropotkin, Landauer und Rocker formulierten) sollten innerhalb des bestehenden Systems selbstverwaltete Gegenmodelle entstehen. Die AkteurInnen hofften auf ein Leben jenseits des Kapitalismus, oder doch wenigstens darauf, sich eine autonome Insel in der kapitalistischen Welt zu schaffen. Mit dem Selbstverständnis von Kollektiven gleichberechtigter Mitglieder, die die Isolation der Einzelnen und die Fixierung auf Geschlechterrollen in neuen Formen des Zusammenlebens und -arbeitens auflösen wollten, wirken sie bis heute. Teil bestehen sie noch heute.

Was ist alternative Wirtschaft?

Alternative Wirtschaft kann vieles sein. Bis heute gibt es kein einheitliches Theoriegebäude im bisher üblichen Verständnis eines geschlossenen Denkmodells zu einer alternativen Ökonomie. Es gibt viele verschiedene historische und aktuelle Theorieansätze, und auch die Akteurinnen selbst haben aus ihren Erfahrungen Ansätze entwickelt, die lohnende Anknüpfungspunkte sind. Carola Möller verweist darauf, dass es zu bedenken sei, ob ein einheitlicher Theorieansatz überhaupt erstrebenswert sei, oder ob es nicht vielmehr darum gehen sollte, „prozessorientierte Handlungsweisen aufzuzeigen, um wechselnde Handlungssituationen und die Interpretation von Handeln bzw. situationsbedingte Zusammenhänge zwischen Handlungsbedingungen und Handeln auszumachen.g Sie plädiert für theoretische Erkenntnisse, die den Charakter eines Patchworks von flexibel sich ergänzenden Theorieteilen haben. Um eine theoretische Beliebigkeit zu vermeiden, müsste nach ihrer Meinung allerdings eine Anbindung an „marktkritisch formulierte Wirtschaftszieleg geschehen. Durch „Teil-Erkenntnisseg würde es möglich, „auf die erstrebenswerte Vielfalt solidarischen Wirtschaftens, auf Veränderungen und qualitative Weiterentwicklungen zu reagieren.g Das klingt plausibel, erweist sich aber deshalb als schwierig, weil die „Teilerkenntnisseg oft gar nicht miteinander kompatibel sind und weil VertreterInnen einzelner „Richtungeng immer wieder behaupten, ihr Zugang sei der einzig richtige und alle anderen würden doch nur mit einem roten oder grünen Mäntelchen überdecken, was eigentlich der neoliberalen Politik ganz gut ins Konzept passt. So behaupten TheoretikerInnen mit verschiedenen, zum Teil konträren Ansätzen gleichermaßen, den einzigen richtigen ganzheitlichen Gesellschaftsentwurf für ein Leben in einer Welt ohne Ausbeutung und Zerstörung und zudem eine sanfte Umleitung auf Wege hin zur Verwirklichung gefunden zu haben. Kein Wunder, dass sich manche „sanfte Umleitungg als eine Einbahnstrasse, die als Sackgasse endet, erweist, wie es auch schon Rudolf Rocker gesehen hat. Auch die Gefahr, dass sich die Bemühungen um eine bessere Zukunft in romantischen Träumen und Abkehr von der Realität verlieren, ist unter diesen Bedingungen groß. Die Alternativbewegung hat sich seit den 1960er Jahren immer weiter ausdifferenziert. Daraus den Schluss zu ziehen, dass alles gleich gültig ist, wäre fatal, denn es hieße auch, dass es gleichgültig ist, welche der vielfältigen neuen Lebensstile, Bedürfnisse und Interessen oder  Lebens- und Arbeitsperspektiven in unserer Multi-Options-Gesellschaft als alternativ gelten. Notwendige Reflexion über die Inhalte und Ziele der politischen Arbeit und deren Wirksamkeit würden unterbleiben.

Versuch einer Begriffserklärung

Alternative Wirtschaft markiert einen Übergangsbereich zwischen der marktzentrierten kapitalistischen Wirtschaft, dem öffentlichen Produktions- und Dienstleistungssektor der sogenannten informellen Ökonomie. In diesem Grenzbereich haben wir es mit höchst unterschiedlichen ökonomischen zu tun. Alternativökonomie umfasst sowohl genossenschaftliche und selbstverwaltete Betriebe wie auch vielfältige gemeinwesenorientierte Projekte und Non-Profit-Organisationen. In der BRD fällt mit zunehmender Prekarisierung der Arbeitsbedingungen die Abgrenzung gegenüber dem Non-Profit-Bereich, der Schwarzarbeit, der Scheinselbständigkeit und den Sozialbetrieben oft schwer. Nicht alles, was im „alternativen“ Gewand daherkommt, verdient, unter „alternative Wirtschaft“ subsumiert zu werden. Das gilt für theoretische Konzepte ebenso wie für deren Umsetzung in praktisches alternativ-ökonomisches Handeln.

Alternativbetriebe sind nach meiner Definition Betriebe, in denen die Mitglieder selbstverwaltet und in kollektiven, nicht hierarchischen Strukturen unter selbstbestimmten Normen Tätigkeiten verrichten, die der Erstellung von Produkten oder Dienstleitungen dienen. Idealtypisch gibt es kein privates Eigentum, Betriebsvermögen und Betriebsertrag sind neutralisiert, d. h. der persönlichen Verfügbarkeit entzogen. Viele Alternativbetriebe und Projekte sind aus den Studenten- und Lehrlingsbewegungen, aus der Ökologiebewegung und aus den „Neuen Frauenbewegungen“ entstanden. Neben den Produktivbetrieben sind es Sozial-, Gesundheits- und Dienstleistungsprojekte. Einige bestehen heute noch. Andere sind in der Zwischenzeit zu Betrieben von Einzelunternehmerinnen geworden. Hoffnungsvolle Neugründungen sorgen dafür, dass die Konzepte fortgesetzt werden und der Gedanke nicht verloren geht.

Selbstverwaltung heißt, dass die Menschen die Lösung der Probleme, die in ihrem Projekt oder Betrieb entstehen, selbst in die Hand nehmen. Das heißt nicht je individuell, sondern als kollektiver, politischer und sozialökonomischer (Lern)Prozess einer überschaubaren Menge von Menschen. Selbstverwaltet können neben Projekten und Betrieben auch Wohn-, Lebens-, Bildungs-, Konsum-, Erwerbslosen oder (Aus)Bildungsprojekte sein.

Auch bei Betriebsübernahmen versuchen von der Schließung der Betriebe bedrohte Belegschaften ihre Betriebe in Selbstverwaltung zu übernehmen. Mitunter gehen Betriebsübernahmen mit einer Konversion der Produkte einher. Das wichtigste Beispiel für Produktkonversion kann unter dem Stichwort „Produkte für das Leben, statt Waffen für den Tod“ (Mike Cooley) zusammengefasst werden..

Die weitestgehenden selbstverwalteten Projekte sind Kommunen als freiwillige Zusammenschlüsse von Menschen, die auf Grundlage gemeinsamer Überzeugungen ihr Zusammenleben radikaldemokratisch organisieren. D. h. alle Menschen haben die gleichen Rechte und Pflichten, das betrifft sowohl das gemeinsame selbstverwaltete Arbeiten, wie auch die gemeinsame Alltagsgestaltung und politische Aktionen. Damit entfällt die Trennung zwischen Produktionssphäre, Lebenswelt und kollektiver Aktion.

Es gibt noch viele andere Ansätze, die ich nicht alle darstellen kann, allen  gemeinsam ist, dass es diesen Wirtschaftsbereichen vor allem um die Wirkung im lokalen und regionalen Umfeld geht und um den Ausbau regionaler Wirtschaftskreisläufe. Insofern stellt die alternative Wirtschaft eine Negation der vielzitierten und problematisierten Globalisierungsprozesse dar und sie befindet sich zunächst auch in bestimmter Negation zur je herrschenden Ökonomie. Sie kann die herrschende Ökonomie jedoch nicht gänzlich ignorieren. Die Miete von Räumen, der Kauf von Produktionsmitteln, die Kommunikationsmedien und die Versicherung ihrer Mitglieder kostet Geld, egal wie groß der Betrieb oder die Gruppierung ist. Das gilt für den kleinen Zimmereibetrieb ebenso wie für die großen Betriebe wie sie zum Beispiel in Mondragon im Baskenland zu finden sind.

Die Finanzierungsquellen Alternativer Wirtschaft sind sowohl Markt und Staat als auch andere Einkünfte (Mitgliedsbeiträge, Spenden, Fund-Raising, Sponsoring, Stiftungen, Benefizveranstaltung, Erbschaften), die allesamt abhängig von Markt oder Staat sind. Auch die vielfach besonders in sozialen Projekten und in Projekten des Gesundheitsbereichs geleistete Gratisarbeit ist abhängig von anderen bezahlt geleisteten Arbeitsverhältnissen. Im Zweifelsfall ist alternative Wirtschaft immer in gewisser Weise marktorientiert, auch wenn sie weder konzern- noch profit- noch zinsorientiert, und nicht kosten-nutzen-orientiert im herkömmlichen Sinne ist.

Gründungsmotive der Projekte der 1960er und 1970er Jahre

An vielen Orten gaben Projekte der alternativen Ökonomie den Impuls, aus der „Wohlstandsgesellschaft“ auszusteigen und mit autarken Wohn- und Arbeitskollektiven alternative Lebenskonzepte zu realisieren, die die Isolation des Einzelnen in der Kleinfamilie und die Fixierung der Geschlechterrollen in neuen Formen des Zusammenlebens und -arbeitens auflösen wollten. Bewusst oder unbewusst setzten sie an anarchistischen und sozialistischen Theorien vergangener Zeiten an. Die Fragen „Reform oder Revolution“ und „gibt es ein richtiges Leben im falschen“ wurden neu gestellt. Trotz der immer wieder kehrenden Zweifel daran, ob es möglich war, autonome utopische Inseln innerhalb des Bestehenden oder am Rande des patriarchalen Kapitalismus aufzubauen, gründeten sich viele Gemeinschaften, um im Hier und Jetzt Experimente einer anderen Wirtschaft und eines anderen Arbeitens und Lebens zu entwickeln.

Waldemar Schindowski unterscheidet fünf Hauptmotive, die in den 1970er Jahren zur Entstehung von selbstverwalteten Betrieben geführt haben:

  • Der Wunsch nach Einheit von Privatleben und Arbeit;
  • fehlende Berufsperspektiven vor allem bei AkademikerInnen;
  • das Scheitern der Betriebsintervention linker Gruppen;
  • die Diskussion um den ökologischen Umgang mit der Umwelt;
  • das selbstbewusste Auftreten der Frauenbewegung.

Da Schindowski davon ausgeht, dass die Verbreitung von linken Inhalten das Hauptanliegen der ersten Versuche mit Betriebsgründungen gewesen ist, soll das Motiv „Kritik an den kapitalistischen Produktionsverhältnissen“ als sechstes Hauptmotiv vorangestellt werden.

Kritik an den kapitalistischen Produktionsverhältnissen

Die theoretischen Konzepte der alternativen Ökonomie und ihre praktische Umsetzung stützten sich auf den Wunsch nach einem Ausweg aus dem real existierenden kapitalistischen Raubbau an Mensch und Natur. Angeprangert wurden der „Konsumterror,“ der immer neue Bedürfnisse erwecken sollte, Ersatzbefriedigung, Warenberge und Besitzansprüche sowie die Ausbeutung von Mensch und Natur und eine Produktionsweise, die auf die Einsparung von Arbeits- und Personalkosten, nicht aber auf den sorgsamen Umgang mit Ressourcen gerichtet ist. Viele der alternativen Projekte begriffen sich zu Beginn als eine notwendige Unterstützung der linken Bewegung im politischen Tageskampf. Die meisten Projekte arbeiteten im Medienbereich (linke Buchläden, Kneipen, Cafés, Druckereien usw.). Darüber hinaus waren die Projekte mit einer ‚sozialutopischen’ Stoßrichtung verknüpft, indem sie eine Art praktisches Beispiel für eine Vorwegnahme sozialistischer Strukturen im Kapitalismus sein sollten. In der Praxis ging es darum, eine gelebte Alternative zu den herrschenden kapitalistischen Verkehrsformen im Hier und Jetzt darzustellen, was zugleich eine exemplarische Wirkung haben sollte: Es geht auch anders.

Häufiger ist gleichberechtigter Besitz oder neutralisiertes Kapital in Form von Genossenschaften oder Vereinen. Bei manchen Unternehmen und Projekten ist es Voraussetzung, Geld mit einzubringen, bei anderen ist das nicht der Fall. Bei einigen überschreiben EinsteigerInnen ihren gesamten Besitz der Gemeinschaft, bei anderen nicht.

Der Wunsch nach Einheit von Privatleben und Arbeit

Projekte und Betriebe der alternativen Ökonomie sind in erster Linie soziale Kunstwerke und keine wissenschaftlichen Experimente. Sie sind aus der Erkenntnis heraus entstanden, dass dAuswirkungen unserer Gesellschaft, sich in der lebensverachtenden Praxis, sowohl am Arbeitsplatz, als auch in den immer noch meist patriarchal strukturierten Kleinfamilien zeigt. Deshalb sind sie nicht nur daran interessiert, Einheit von Privatleben und Arbeit herzustellen, sondern beide Bereiche zu verändern. Die AktivistInnen der Kommune Niederkaufungen, eines der am weitest gehenden Selbstverwaltungsmodelle in der BRD, das wie etliche Andere seit über 30 Jahren besteht, betonen ausdrücklich, dass sie nicht auf einer "heilen Insel" inmitten des kaputten kapitalistisch-patriarchalen BRD-Sumpfes leben wollen und dass es ihnen zuwider ist, sich in der Kleinfamilie einen Rückzugsraum zu schaffen, in dem sie ihre Kinder zu , autoritären, gehorsamen und lustfeindlichen Menschen erziehen, die dieses System zum Funktionieren benötigt.  Sie haben sich den Slogan der neuen Frauenbewegungen „Das Private ist politisch“ zu eigen gemacht. Um einer Verinselung in beider Hinsicht entgegenzuwirken, wird ein reger – sich gegenseitig befruchtender – Austausch mit der unmittelbaren Nachbarschaft und mit der näheren und weiteren Umgebung angestrebt. So wie sie denken viele Gemeinschaftskonzepte, auch aus anderen, nicht kommunitären Projekten. Sie wollen die Bedingungen ihrer Arbeit selbst bestimmen und lehnen Hierarchien, Besitzansprüche, Ausbeutung und Unterdrückung ab.

Fehlende Berufsperspektiven insbesondere bei AkademikerInnen

Viele der durch „Berufsverbote“ Betroffene wollten nicht der Arbeit in einem System nachweinen, das sie ausgrenzte. Sie wollten andere, demokratischere Strukturen schaffen, gründeten Betriebskollektive, selbstverwaltete Kneipenkollektive, soziokulturelle Projekte und anderes, als Teil ihrer revolutionären Theorie und Praxis. Die Gründe, die Bewerber für den öffentlichen Dienst in den Verdacht der Verfassungsfeindlichkeit brachten, waren vielfältig, oft war es ausreichend, in einer Organisation aktiv zu sein, in der KommunistInnen eine führende Rolle spielten. Der Radikalenerlass galt zwar auch für Rechtsextremisten, deren lag jedoch deutlich unter denen der LinksextremistInnen. Wer damals zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt war und in der links-politisch aktiv war, sah sich einer ernsten existenziellen Gefährdung ausgesetzt. Es sei denn, es gelang ihm oder ihr in der alternativen Ökonomie eine langfristige politische Lebensperspektive zu entwickeln und diese auch praktisch umzusetzen.

Scheitern der Betriebsintervention linker Gruppen in den Fabriken.

Auf die antiautoritنre Revolte von 1968 folgte Anfang der 1970er Jahre für viele Linke der Schritt in die Produktion; einige Tausend junge Linke tauschten die Bank im Hِrsaal der Universitنt  gegen die Werkbank ein, um sich mit den Arbeitern am Flieكband zu vereinen. Ihr Ziel war es die Arbeiterklasse und deren Lebensumstنnde kennen zulernen und ihre eigenen sozialen Erfahrungen zu erweitern. Sie wollten die Arbeitenden für Revolution und Kommunismus begeistern, indem sie eine neue politische Beziehung zur Arbeiterklasse herstellten. Auch wenn sich die westdeutschen ArbeiterInnen anders als in Frankreich oder Italien nicht vom revolutionنren Fieber mitreiكen lieكen, das die Universitنten erfasst hatte, waren wilde Streiks hنufig und es schien zunنchst mِglich. Meist waren es linke StudentInnen kommunistischer Gruppen, die die These von der Autonomie der Arbeiterkنmpfe in der Fabrik erproben wollten. Konflikte zwischen revolutionنren Wünschen und den Mühen des Alltags blieben nicht aus. Etliche Gruppen stellten Betriebszeitungen her und verbreiteten sie. Begeisterung und Ernüchterung über die Arbeiterklasse wechselten sich ab. Die meisten Linken zogen sich aus den Betrieben zurück oder es wurde ihnen gekündigt. Etliche gingen an die Universitنten zurück, andere fanden in der Gründung selbstverwalteter Betriebe neue aktionistische Konzepte und beispielhafte Aktionen.

Die neu entstehende Ökologie-Diskussion

Mit dem Bericht des Club of Rome Anfang der 1970er Jahre wurden „Die Grenzen des Wachstums“ und die ضkologiefrage breit diskutiert. Aus dem Bericht geht klar hervor: Wenn die gegenwنrtige Zunahme der Weltbevِlkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverنndert anhنlt, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nنchsten hundert Jahre erreicht. Jede/r konnte wissen, dass ein grundlegender Wandel in der Umweltpolitik wie auch in der Wirtschaftspolitik notwendig wird. Dennoch geschah, auكer einer gewissen Nachhaltigkeitsrhetorik, nichts. Die Notwendigkeit von nachhaltigem Wirtschaften, ِkologischer ضkonomie, nachhaltiger Entwicklung, Sustainability, nachhaltigem Management, nachhaltigem Konsum, sozial-ِkologischer Forschung etc. wurden aber immer breiter diskutiert. Die Gewerkschaften standen den neuen Aufgaben, die sich durch ِkologische Ansprüche und den daraus resultierenden Problemen ergaben, relativ defensiv gegenüber. Vereinzelten Ansنtzen eines Konzeptes gewerkschaftlicher Arbeitspolitik zur offensiven und gestalterischen Einflussnahme auf die Forderung, die ِkologische Umwelt nicht weiter zu zerstِren, standen die Ansنtze radikaler Kritik an der abhنngigen Erwerbsarbeit, insbesondere in den groكen Industrien gegenüber. Diese Kritik war eine der Gründungsmotivationen für alternativ-ِkonomische Betriebsformen mit weitgehend selbstbestimmten Arbeitsformen. Sie führte dazu, dass die AkteurInnen selbst darauf Einfluss nehmen wollten, was unter welchen Bedingungen und mit welchen Materialen hergestellt wird.  

Die Herausbildung der Neuen Frauenbewegungen

Eines der wichtigsten Ziele der Neuen Frauenbewegungen war es, Theorie und Praxis sinnvoll zu verbinden. Neu geschaffene autonome Frauenprojekte wie Therapie- und Gesundheitslنden, Buchhandlungen, Verlage, Vertriebe, Teestuben, Beratungs- und Bildungseinrichtungen u.a.m. zeichneten sich ebenso durch Kreativitنt selbstverwalteter, basisdemokratischer Kollektive aus wie Betriebe von Handwerkerinnen und Projekte mit sanfter Energie und für alternative Technik. Triebfeder für das Engagement war der Wunsch zur gemeinschaftlichen Arbeit, die selbstverwaltet von einer Gruppe im Konsens und bei gleichen finanziellem Risiko geleistet werden sollte. In diesen Gruppen sollten persِnliche Beziehungen und Arbeitsablauf in ـbereinstimmung gebracht werden.

Utopische Flucht oder revolutionärer Kampf? Oder gibt es ein richtiges Leben im falschen?

MarxistInnen u. a. Linke sahen die alternative Wirtschaft - und sehen sie oft immer noch – als politische Flucht vor der gesellschaftlichen Verantwortung zur Einlنutung einer radikalen Verنnderung der kapitalistischen Produktionsverhنltnisse. Die gegenseitigen Vorbehalte sind alt. MarxistInnen betrachteten die AktivistInnen skeptisch und bezeichneten die Alternativen lange Zeit als Utopisten oder als Idealisten und Individualisten, die sich auf den Spielwiesen der "Risikogesellschaft" tummeln und ihre Hoffnung in der Dissidenz sehen, anstatt revolutionنren Kampf zu organisieren. Sie unterstellten den AktivistInnen zudem Realitنtsferne. Dabei liegt die Perspektive der meisten VertreterInnen der alternativen ضkonomie – نhnlich wie bei den Frühsozialisten und Anarchisten - in der Entwicklung einer eigenverantwortlichen Arbeits- und Lebenskultur neben der vorherrschenden kapitalistisch-patriarchalen Wirtschaft, bevor durch eine revolutionنre Umgestaltung die allgemeinen Bedingungen dazu geschaffen sind. Die Frage Gibt es ein richtiges Leben im falschen? wurde immer wieder gestellt.

Auch wenn Adorno in Minima Moralia, einem zwischen 1944 und 1947 im kalifornischen Exil entstandenen Buch schreibt: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, meint er keinesfalls, dass es gleichgültig sei, wie man sein Leben gestaltet. Er plنdiert nicht für Resignation und Nichtstun, solange nicht das ganze falsche Leben verنndert ist. Wenn es schon kein richtiges Leben im falschen geben kann, so gibt es doch immerhin ein "stellvertretendes", eine Gegengesellschaft. Er fragt sich, ob es nicht mِglich sei, durch frei assoziierte Individuen eine „Gegenvergesellschaftung“ und damit Modelle eines richtigen Lebens zu erstellen. Dort müsse man so leben, "wie man dem eigenen Erfahrungsbereich nach sich vorstellen kِnnte, dass das Leben von befreiten, friedlichen und miteinander solidarischen Menschen beschaffen sein müsste". Das erinnert an die AnarchistInnen der 1920er Jahre. Allerdings sagt er auch, dass davon ausgegangen werden muss, dass sich die Spielrنume für derartiges Agieren unter verschنrfendem Krisendruck deutlich verringern. Daher gilt weiterhin: "Keine Emanzipation ohne die der Gesellschaft". Damit schlieكt er nicht aus, Fenster in eine andere Welt innerhalb des kapitalistischen Systems im Hier und Jetzt geِffnet werden kِönnen.

Der Wunsch nach gemeinschaftlicher Arbeit im Hier und Jetzt

Die ersten selbstverwalteten Betriebe waren Druckereien, Verlage und Buchlنden und Zeitschriften. Es folgten Beratungs- und Bildungseinrichtungen, freie Schulen, Zeitungen und Zeitschriften, Frauenprojekte, Autowerkstنtten, andere Betriebe aus dem handwerklichen Bereich, ِkologische und energiepolitische Aktivitنten, selbstverwaltete Produktions- und Handelsbetriebe z. B. für Naturkost und Naturtextilien Kommunen, Medienkooparative u.v.a. folgten. Viele nahmen sich umweltschonender und energiesparender Techniken an. Auch soziale und kulturelle Projekte wنhlten selbstverwaltete Betriebsformen. Die meisten waren „Betriebe ohne Chef“.

Die Idee vom autonomen Projekt als herrschaftsfreiem Raum, quasi im exterritorialem Verhنltnis zum kapitalistischen Patriarchat stehend, erwies sich als überaus problematisch. Nicht selten sprengten subtile Machtkنmpfe die Kollektive und innovative Potentiale und Kreativitنt wurden beschnitten. Hohe politische Ansprüche an Egalitنt und Verzicht auf materielle Güter führten oft dazu, dass viele Projekte entstanden und auch wieder verschwanden. Einige Initiativen verloren sich in ihrer Subkultur, andere haben sich im Laufe der Zeit aus dem subkulturellen Getto herausgetastet und den Marktmechanismen sowie dem Trend zum Einzelunternehmen angepasst. Andere bestehen seit vielen Jahren und breiten ihren Wirkungskreis immer weiter aus.

So zum Beispiel die Kommune Niederkaufungen, eine seit 1986 bestehende links-alternative Kommune in der Nنhe von Kassel, eines der weitestgehenden Selbstverwaltungsmodelle, bei dem das Privateigentum aufgehoben ist und Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. Das Modell ist auch aus feministischer Sicht interessant ist, weil Kochen und Kinderbetreuung professionelle Arbeitsbereiche sind und Putz- und Spüldienste werden durch alle nach festgelegten Plنnen übernommen. Reproduktionsarbeit hat so denselben Stellenwert wie Erwerbsarbeit. Es gibt keine herkِmmliche Haus-, Erziehungs- oder gar "Familien"arbeit. Auch die Beteiligung an politischen Kampagnen und Aktionen ist für etliche Kommunemitglieder Teil ihrer politischen Arbeit und wir daher auch als Arbeit gewertet.

In der Zwischenzeit wird die Kommune als "Musterkommune" auf Tagungen und Kongressen und bei Fernseh- und Rundfunksendungen prنsentiert. Hervorgehoben wird ihre hervorragende Integration in nachbarschaftliche Verhنltnisse der Gemeinde Kaufungen mit 12.666 Einwohnern und ihre nachhaltige Wirtschaftsform. Die Popularitنt der „Niederkaufunger“ und ihre Beteiligung an Publikationen und Filmprojekten hat den Bekanntheitsgrad von Kommunen generell erhِht, aber auch die Mِglichkeit ihrer Vereinnahmung als Beispiel gegenseitiger Hilfe und Selbsthilfe, die darauf ausgerichtet ist, dem Sozialstaat Kosten zu sparen. Das ist nicht das Anliegen der Kommune. Sie will kein Musterbetrieb im kapitalistischen Staat sein. hohe Identifikation der Beschنftigten ist es vor allem, die „normale“ Unternehmer nach solchen Konzepten schielen lassen, die ihnen mehr Motivation und Arbeitszufriedenheit ihrer Mitarbeiter versprechen, auch wenn sie ihnen keinen hِheren Lohn und Aufstiegspositionen bieten wollen.

Dass sie ihre Ziele nicht erreichen kِnnen, wenn sie sich auf eine Insel oder „mittelalterliche Dorfidylle“ zurückziehen, wissen die „Kaufunger.“ Nicht nur durch ihre Betriebe und Einrichtungen, sondern auch durch ihre politischen Aktivitنten wirken sie nach auكen.

Rund 40 Projekte mit etwa 600 Mitgliedern leben nach نhnlichen Prinzipien. Etliche haben sich in der Plattform der politischen Kommunen Kommuja zusammengeschlossen.

Perspektiven

Die demokratischen Beteiligungsformen, die in Selbstverwalteten Betrieben oder Kommunebetrieben aber auch in manchen neuen Genossenschaften praktiziert werden, sind mehr als Mitbestimmung und auch mehr als Demokratie am Arbeitsplatz. Die meisten praktizieren neue Mِöglichkeiten der Partizipation bis hin zu Experimenten mit weitgehend selbstbestimmten Arbeitsformen und Kapitalneutralisierung. Sie Ansätze radikaler Kritik an der abhنngigen Erwerbsarbeit und – soweit es sich um kommunitäre Arbeits- und Lebensformen handelt - üben gleichzeitig Kritik an der Struktur der Kleinfamilie. Mitarbeitende und EigentümerInnen sind identisch und alle Kollektivmitglieder haben im Idealfall ein gleiches Entscheidungsrecht in betrieblichen Belangen. Dass die Alternativbewegung die neoliberale Wirtschaftsordnung nicht grundsätzlich in Frage stellen kann, war und ist den meisten AktivistInnen bewusst, viele hatten diesen Anspruch gar nicht.

Die AkteurInnen der Alternativِkonomie und der Kommunebewegung setzen, wie andere Alternativen auch, auf die Kraft des Experiments und des Vorlebens. Sie sind der ـberzeugung, dass es notwendig ist, Macht, Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt in unserer Gesellschaft grundsنtzlich in Frage zu stellen, anstatt zu glauben, sie für die eigenen Zwecke gestaltbar und nutzbar machen zu kِnnen. An ihrer Existenz kann beispielhaft aufgezeigt werden, dass Mِöglichkeiten einer anderen, selbstverwalteten und ebenbürtigen Lebens- und Arbeitswelt nicht nur in den Köpfen und Büchern von Menschen zu finden sind, die sich theoretisch damit auseinandersetzen, sondern dass sie in Ansätzen hier und heute lebbar sind. Vielleicht gelingt es solchen Zusammenschlüssen wirklich, „ihre Anschauungen in neue Kreise zu tragen“ wie es Anarchisten für die neu entstehenden Bewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg erhofft hatten.

Mit zunehmender neoliberaler Globalisierung der warentauschenden Gesellschaft werden auch für die Gewerkschaften Konzepte für eine Neuordnung des globalen, politischen und ِkonomischen Systems der Wirtschaft unumgنnglich. Frage „weniger arbeiten, anders arbeiten, besser leben“, war ein Slogan zu Beginn der Alternativِkonomie-Bewegung, der auch für gewerkschaftliche Aktivisten aktuell wurde und für die Zukunft aktuell bleibt. Wenn eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Parteien, Gewerkschaften, globalisierungskritischer Bewegung und anderen sozialen Bewegungen insbesondere auch der Erwerbslosenbewegung gelänge, könnten die jeweiligen Erfahrungen für mehrere Seiten genutzt werden.

Was Karl-Heinz Roth 1980 geschrieben hat, gilt allerdings auch heute: "Die Selbstverwirklichung ist ein sozialer Prozess, sie verlangt die soziale Aneignung und Umverteilung des gesamten gesellschaftlichen Reichtums". Darauf wollen die jetzt tätigen Akteurinnen freilich nicht warten. Sie haben ein Fenster in eine herrschaftsfreie Welt aufgetan. Sie setzen auf die Kraft des Vorlebens und des Experiments, stellen sich den Herausforderungen der GrenzgنngerInnen und versuchen, aus Trنumen Leben werden zu lassen. Und das, obwohl heute utopisches Denken nicht gerade hoch im Kurs steht.

 

AutorInNen: 
Gisela Notz