Selbstverwirklichung heute

Die Idee der Selbstverwirklichung löst die unterschiedlichsten Irritationen aus. Eine dieser Irritationen wäre die Frage, inwieweit sich Erwerbslose eigentlich selbstverwirklichen können. Erwerbslose werden dafür bemitleidet, dass sie sich nicht im Beruf selbstverwirklichen können. Aus dem Berufsleben ausgegrenzt, fehlt ihnen eine entscheidende Dimension gesellschaftlicher Teilhabe. Andererseits werden Erwerbslose als Arbeitslose dafür beneidet oder zumindest beargwöhnt, dass sie sich besser selbstverwirklichen können als viele Beschäftigte, weil sie viel Zeit haben zu tun was sie wollen, und dass sie diesen Zeitreichtum auf Kosten der Beschäftigten genießen, die für sie arbeiten müssen, ohne sich ihrerseits dabei selbstverwirklichen zu können.

1. Selbstverwirklichung als gelungenes Leben

Memento mori; carpe diem. Bedenke den Tod, pflücke den Tag

Selbstverwirklichung ist das Kennzeichen eines gelungenes Leben. Wir sind „Befristete“ (Canetti), und es geht darum, das Bestmögliche aus der begrenzten Lebenszeit machen. So wie wir sorgsam mit der Erde umgehen, da wir keine zweite Erde im Kofferraum haben, so ist es ratsam, sorgsam mit der Lebenszeit umzugehen, da wir kein zweites Leben im Kofferraum haben. Es geht hier um die Radikalität, das Leben als die einzige Chance, die wir haben, zu begreifen, der „eine Schuss“, der treffen muss. Oder, negativ gesprochen, es geht um die Gefahr des verfehlten, des versäumten Lebens. Wer die Dinge aufschiebt, wer prokrastiniert, muss bedenken, dass die Zeit trotzdem vergeht; „time waits for no one“, sagen die Rolling Stones. Darzustellen ist, dass die Fülle eines gelungenen Lebens viel mit Selbstverwirklichung zu tun hat.

2. Wandel seit den 1970er Jahren: aussteigen oder mitmachen?

Unsere Zielvorstellung von Selbstverwirklichung hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte gewandelt. Einerseits erscheint Selbstverwirklichung heute ganz unzeitgemäß, wie ein verstaubtes Relikt aus den 1970er Jahren, ähnlich unzeitgemäß wie beispielsweise Ludwig Erhards Forderung nach „Wohlstand für alle“. Andererseits werden wir sehr darauf getrimmt, eine eigene Persönlichkeit zu sein und insofern Selbstverwirklichung – zumindest Selbstdarstellung – zu betreiben. Was ist es genau, das sich gewandelt hat?

a) raus aus den Zwängen des Systems

Früher war Selbstverwirklichung mit „Aussteigen“ verbunden, mit der Befreiung von Zwängen. Es ging um das Aussteigen aus entfremdeter Arbeit, aus den Fließbandarbeitsplätzen, in denen jede Handbewegung vorgeschrieben ist, aus Arbeitsverhältnissen, in denen eine starre Kommandostruktur herrscht, kleinteilige Regelungen und Weisungen zu befolgen sind. Raus aus der Großindustrie und den großen Büroorganisationen hin zu kleinen, selbstorganisierten Alternativ-Betrieben. Es ging um das Aussteigen aus autoritären Familien, um die Befreiung von inneren, selbstauferlegten Zwängen; insbesondere um Befreiung von sexueller Unterdrückung, um das Entwickeln neuer Formen des Zusammenlebens wie in der Kommune 1 (oder „Kommune Eins“?).   

Der Verlockungen der Konsumgesellschaft wurden als Zwänge, sogar als „Terror“ empfunden, sich diesen Verlockungen zu entziehen bedeutete, näher bei sich zu sein. Der Konsum wurde als Kompensation erkannt, als Entschädigung, mit der Lohnarbeiter sich bestechen lassen, dressieren lassen für ein entfremdetes Leben. Selbstverwirklichung bedeutete auch, mit weniger Konsum glücklicher leben zu können. Ebenso vielfach, von der Stadt aufs Land zu ziehen, von der Reizüberflutung der Großstadt zur Ruhe, zur „Natur“ - zum Wesentlichen. Selbstverwirklichung war hoch angesehen bei jenen, denen es wichtig war, unangepasst, nonkonformistisch zu sein. Viele Filmen, greifen das Aussteiger-Thema auf. In Antonionis „Zabriskie Point“ aus den 60er Jahren kontrastiert die Traumwelt lustvoller und unschuldiger Liebe mit der Härte und Erbarmungslosigkeit der gesellschaftlichen Regeln. In „The Beach“ mit Leonardo di Caprio versammeln sich Rucksacktouristen an einem abgelegenen Strand in Thailand, dem ein märchenhafter Ruf vorausgeht, unterwerfen sich dort aber einem strengen Sektenregime. Indem in sich einer autoritären Gemeinschaft wiederfinden, kommen die Aussteiger hier sozusagen vom Regen unter die Traufe.

b) dabei sein, anerkannt werden, sich behaupten

Heute geht es bei Selbstverwirklichung um „Teilhabe“ und, seit Neustem, um „Inklusion“. Das Wort Inklusion klingt zunächst nicht wirklich vertrauenerweckend: heißt es doch „Einschließen“. Gemeint ist jedoch etwas Freundlicheres: für alle Menschen gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen, ohne ihnen starre gesellschaftliche Normen aufzuzwingen. Während zum Zwecke der Integration sich die zu Integrierenden den vorgefundenen Strukturen anzupassen haben, erhebt im Unterschied hierzu Inklusion den Anspruch, dass die Inkludierten gemäß ihren Bedürfnissen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Beide Seiten bewegen sich aufeinander zu und schaffen neue Strukturen. Selbstverwirklichung ist Sozialisierung, gelungenes Mitwirken, Tätigsein; Mit-Gestalten des Gesellschaftlichen. Im Unterschied zu den 1970er Jahren geht es um entschiedenes Mitmachen und nicht um Aussteigen.

Die Polemik gegen die damalige Selbstverwirklichung lautete schon immer: das sind Nichtsnutze, die nur ihren Hobbies nachgehen. Wer sich im Beruf „selbstverwirklichen“ wollte, machte sich verdächtig, nichts anständiges tun, nicht wirklich arbeiten zu wollen. Selbstverwirklicher wurden aber auch mitleidig belächelt: was ist schon eine Landkommune, was ist schon ein Töpferkurs – gegen einen Urlaub auf Mallorca, wo so richtig de Post abgeht.

Heute sind die Selbstverwirklicher vor allem auch gute Selbstvermarkter. Sie behaupten sich, sie orientieren sich an einem möglichst hohen gesellschaftlichen Status. Es geht ihnen nicht so sehr darum, anders zu sein als die Normalen wie frühen, es geht ihnen darum, mehr zu sein als andere. Sie können gern irgendwelche Macken haben, wenn es ihnen denn gelingt, diese Macken zu ihren Stärken zu machen und sie erfolgreich zu verkaufen – Spaßmacher und Kabarettisten schaffen das, oder Rüpel wie Dieter Bohlen. Es gelingt ihnen etwas sehr wichtiges: die Empathie, die Einfühlung in andere, für die sie erwünscht und nützlich sein können, die Einfühlung in die Kunden, die Chefs, die Auftraggeber, das Publikum. Es stellt sich de Frage, ob dies jetzt Selbstverwirklichung oder nicht vielmehr ein Zustand äußerster Entfremdung ist. Sind die Selbstverwirklicher heute nicht angekettet an Kundenwünsche, abhängig vom Beifall des Publikums? Die Frage ist, ob Selbstverwirklichung heute nicht mehr dissident und kritisch sondern angepasst und konformistisch ist.

Die Pointe ist, dass die Anpassung an die Anderen zunächst konformistisch und unkritisch aussieht, ein Rückschritt gegenüber einer radikalen Individualisierung zu sein scheint, aus einem anderen Blickwinkel aber sowohl der Gipfel der Lebenskunst als auch der entscheidende Schritt zu gesellschaftlichen Verbesserungen und insofern auch gesellschaftskritisch ist. Um diesen anderen Blickwinkel zu verdeutlichen, empfiehlt sich ein Exkurs zur Philosophie von Sartre, genauer gesagt zu seiner Theorie der Intersubjektivität in „Das Sein und das Nichts“.

3. Selbsterkenntnis: das Selbst und die Anderen

Keine Selbstverwirklichung ohne Selbsterkenntnis. Kein Selbst ohne die Anderen. „Das Selbst und die Anderen“, ein Buch von Ronald D. Laing, einem der Gründer der antipsychiatrischen Bewegung in den 60er und 70er Jahren. Laing wandte sich dagegen, psychische Probleme mittels Diagnose zu einem Ding zu machen, also zu einer „Störung“, „Krankheit“, „Syndrom“. Er formulierte den hohen Anspruch an die Ärzte und die Therapeuten, auch sehr schwere psychotische Probleme zu verstehen, aus der Lebensgeschichte der Beziehungen heraus, insbesondere der familiären Beziehungen.

a) Das Selbst: Ding oder Bewusstsein? unzerstörbar oder vergänglich?

Was ist gemeint, wenn von einem „Selbst“ die Rede ist? Ein Mensch als bewusstes Wesen? Der ganze Mensch? Oder nur ein Teil von ihm oder ein Teil in ihm, der dann sein wahres Selbst ist. Die letztere Vorstellung ist durchaus verbreitet: das wahre Selbst als ein Wesenskern, der zur Entfaltung drängt und oft an seiner Entfaltung gehindert wird. Z.B. Alice Millers Buch  „Das Drama des begabten Kindes“ handelt davon, dass wir so leben, um von unseren Eltern gelobt, geliebt, ja überhaupt akzeptiert zu werden, und dabei versäumen, unser wahres Selbst zu verwirklichen. Die Vorstellung eines festen vielleicht sogar unzerstörbaren Bestandteiles, des wahren Selbst, das ich in mir irgendwie auffinden und lebendig machen kann, ist eine sehr optimistische Vorstellung. Eine Vorstellung, die in Richtung Religion geht, in Richtung unsterbliche Seele.

Sartre widerspricht dieser Vorstellung. Er stellt die ontologische Frage, was eine Art Sein wir (also die Menschen) denn sind. Er unterscheidet zwischen dem Sein an sich, das einfach ist was es ist, und dem Bewusstsein. Bewusstsein ist immer Bewusstsein von etwas. Wir sind Bewusstsein von den Dingen, die uns umgeben, von der Atemluft (wenn wir sie uns bewusst machen), von den anderen Menschen im Raum, von den Dingen an die wir denken, aber wir sind diese Dinge nicht, wir spiegeln sie nur.

Und das Bewusstsein vollzieht sich als eine zeitliche Struktur, als ein nicht anhaltbarer Sturz in eine Zukunft. Das Bewusstsein ist nichts Festes, Dingliches, sondern etwas Flüssiges, immer in Bewegung befindliches. Was feststeht ist die Vergangenheit, die wir hinterlassen. Sie ist vergangen, nicht mehr in unserer Reichweite.

Sartres Bewusstseinsphilosophie geht es um die Erkenntnis, dass wir kein Ding sind. Wer sagt, dass er „an sich arbeiten“ würde, verwendet ein irreführendes Bild: wir haben uns nie als Ding vor Augen, wir haben nie das eigene Selbst als Werkstück auf dem Tisch, das man durchchecken und vielleicht reparieren kann.

Und jeder Mensch, genauer: jedes bewusste Sein ist zur Freiheit verurteilt. Natürlich gibt es ungeheuer viel, was unser Leben determiniert, unsere genetisches Programm, unsere Herkunft, die Familie, das soziale Umfeld, aber wie wir auf diese Bedingungen reagieren, dass liegt dann in der Verantwortung jedes Einzelnen. Wir sind nicht dafür verantwortlich, was aus uns gemacht wurde, aber, so Sartre, wir sind dafür verantwortlich, was wir aus dem gemacht haben, was aus uns gemacht wurde. Zeitlebens bleiben wir zur Freiheit verurteilt, zeitlebens sind wir mit Entscheidungen konfrontiert, die uns niemand abnehmen kann. Auch wer depressiv zu Hause bleibt, hat sich dafür entschieden. Wer auf dem Sofa sitzen bleibt, hat sich dagegen entschieden, aufzustehen. Es ist nicht möglich, sich nicht zu entscheiden, bzw. wer sich nicht entscheidet, hat sich dafür entschieden, andere für sich entscheiden zu lassen. Jeder Mensch lebt seinen Lebensentwurf, erneuert diesen Lebensentwurf durch seine Handlungen und durch seine Unterlassungen. Wir sind nie am Startpunkt unseres Lebensentwurfes. Wir müssen unser Leben wählen, aber wir sind nie in der Situation, von einem neutralen Standpunkt aus die Wahl über das zukünftige Leben zu treffen. Immer haben wir bereits gewählt. Wer seinen Lebensentwurf korrigieren will, hat nicht die Möglichkeit, wie ein PC einen Neustart zu machen. Es bleibt keine andere Möglichkeit als die, den eigenen Lebensentwurf, der gerade abläuft, der in vollem Gange ist, möglichst gut zu erkennen. Ein Problem mit der Selbsterkenntnis ist, dass wir unseren Lebensentwurf nie von außen sehen sondern immer nur, als Agierende, quasi von innen.

b) Entfremdung; das Selbst im Besitz des Anderen

In dem Kapitel „der Blick“ behandelt Sartre das Thema der Fremdexistenz. Ein Thema, das Philosophen seit jeher beschäftigt, denn wie kann ich mir sicher sein, dass die anderen Menschen, mit denen ich zu tun habe, tatsächlich bewusste Wesen sind, mit einem Bewusstsein ausgestattet ähnlich dem meinen, wie kann ich mir sicher sein, dass ich mir das Bewusstsein der Anderen nicht nur einbilde. Sartres origineller Gedanke ist, dass wir das Bewusstsein der anderen tatsächlich nicht wahrnehmen können, wie wir normalerweise Wahrnehmungsgegenstände wahrnehmen, dass wir es aber unbezweifelbar erleben, erfahren, und zwar mit intensiven, manchmal sehr plötzlichen Gefühlen, Gefühle wie Scham, Erwischt-werden, Verlegenheit oder Stolz. In der Erfahrung, von einem anderen erblickt zu werden, erlebe ich mich plötzlich als Objekt, als Wahrnehmungsgegenstand für ein anderes Bewusstsein. Die Welt, der Wahrnehmungszentrum bisher ich war, hat plötzlich einen anderen Mittelpunkt, der nicht ich bin. Es ist sogar eine andere Welt, Sartre spricht hier sogar von einem „Jenseits“, eine andere Welt, in der nur als Objekt, als Gegenstand vorkomme. Ich erlebe eine ganze Dimension meines Seins, die mir komplett entgeht, mein Sein-für-andere. Neben dem An-sich, das einfach ist was es ist, ohne sich dessen bewusst zu sein, und dem Für-sich, dem Sein, das Bewusstsein von den Dingen ist sowie Bewusstsein davon, Bewusstsein zu sein, gibt es also drittens ein Bezogen-Sein auf Andere, das höchst real, aber außer unserer Reichweite ist. Der Andere sieht mich, wie ich mich nie sehen werde, er sieht nicht nur Äußerlichkeiten, meine Körpergröße oder Falten im Gesicht, er sieht – und versteht! – meinen   Lebensentwurf. Der Andere ist außer meiner Reichweite; ich kann ihn nicht zwingen, mich so zu sehen, wie ich das will. Ich kann es vielleicht begünstigen, dass andere mich sympathisch, oder interessant, oder intelligent finden, aber ich kann es nicht erzwingen. Denn es ist nicht so, dass ich der Einzige bin, der frei ist. Die anderen sind auch frei. Wir sind alle fremder Freiheit ausgesetzt.

Was passiert nun, wenn ich zurück blicke? Kurzzeitig überwältigt von Scham oder Verlegenheit, sammle ich mich und blicke zurück. Jedoch kann ich dann nicht den Blick sehen, der mich verlegen gemacht hat. Der Blick verschwindet, und, so Sartre, was ich sehe, sind nur noch Augen. Ich bin wieder Subjekt und mache den Anderen zum Objekt. Mein Sein-für-Andere habe ich auf diese Weise nicht in meinen Besitz nehmen können. Übrigens ist der Blick nicht an die Anwesenheit eines konkreten Menschen gekoppelt. Man kann sich beschämt fühlen, auch wenn niemand da ist, zum Beispiel, wenn ich eine Überwachungskamera vermute. Der Arbeitslose schämt sich, ohne die Gesellschaft, vor der er sich schämt, jemals ganz in den Blick zu bekommen. Der Gläubige erlebt sich als von Gott erblickt, ohne jemals zurückblicken zu können.

Dieses fremder-Freiheit-ausgesetzt-sein nennt Sartre Entfremdung: Feedback durch andere, auch wenn es trifft, auch wenn es angenehm ist, erleben wir immer als etwas Fremdes. Dabei sind wir auf andere angewiesen, um mehr darüber zu wissen, wer wir sind. Als wahrnehmende Subjekte sind wir zerstreut in der Welt, bei den Gegenständen. Die Zusammenfassung zu einer Person widerfährt uns durch die anderen. Erst im Blick des Anderen erfahre ich mich als komprimiert, zu einem „Selbst“ zusammengefasst. Die Entfremdung durch den Blick des Anderen ist die Voraussetzung dafür, dass es ein „Selbst“ überhaupt gibt. Wir erfahren, dass unsere „Selbste“ nicht in unserem Besitz sind, dass wir von anderen besessen werden und besessen sind. Ein Selbst kann nur im Kontakt mit anderen entstehen. Selbsterkenntnis kann ich nur durch Erfahrungen mit anderen erlangen. Bin ich der, für den ich mich halte? Die Entscheidung darüber liegt bei den anderen. Sartre: „der Andere besitzt den Schlüssel zum Geheimnis meines Seins“. Nietzsche: „jeder ist sich selbst der Fernste.“

c) Aneignung meines Selbst durch Liebe, Sprache, Sexualität

Dieser Zustand, Anderen auf diese Weise ausgesetzt zu sein, ist eine andauernde Beunruhigung. Jeder ist sein Selbst, aber er hat es nicht. Wir können uns damit nicht abfinden, dass dieses Selbst, das wir schließlich sind, nur von den anderen besessen wird, wir wollen es uns aneignen. Da wir uns nicht zweiteilen können, und auf diese Weise der eine Teil den anderen Teil (vielleicht das Selbst) sehen und erkennen kann, gibt es nur noch den Weg über die Anderen. Diese Versuche der Aneignung geschehen grundsätzlich auf zwei Wegen:

  • Einmal, indem ich erblicktes Objekt bleibe und versuche, den anderen als Subjekt einzufangen.
  • Oder indem ich zurückblicke und versuche, die Freiheit des anderen in seinem Objekt sein aufzufinden.

Wie Sartre dies im Einzelnen beschreibt, ist vielleicht das Faszinierendste in seiner Philosophie. Wer neugierig ist auf das Buch „Das Sein und das Nichts“, sollte am besten mit den Kapiteln über die konkreten Beziehungen der Menschen anfangen.

Wenn ich Objekt bleibe, dann geht es mir darum, dass der Andere als Freiheit intakt bleibt und mir als Freiheit mein Sein widerspiegelt, und zwar mein ganzes Sein in allen seinen Facetten. Dies ist ein sehr anspruchsvolles, ein sehr unbescheidenes Vorhaben, denn es geht darum, dass der Andere für all das, was ich bin, für all das, was mein Selbst ausmacht, interessiert, und dies aus freien Stücken. Es geht um Liebe. Für Sartre ist Liebe identisch mit Verführung. Verführung bedeutet, dass ich versuche, ein möglichst faszinierendes Selbst zu werden, den Anderen so zu faszinieren, dass er mich nicht nur als Ding vor dem Hintergrund der Welt sieht, sondern dass ich für ihn zur Welt werde, dass er von mir so gefesselt ist, dass alles in der Welt durch mich an Bedeutung gewinnt. Wenn er den Vollmond sieht, muss er sich unwillkürlich fragen, wie ich wohl den Vollmond finden würde, wenn ihm etwas geschieht, soll ihm unwillkürlich die Frage in den Sinn kommen, wie ich dies wohl erleben würde. Die Freiheit des anderen soll intakt bleiben, und er soll immer nur an mich denken. Jemanden bedrohen oder jemandem Vorwürfe machen kann nicht verführerisch sein. Der andere soll glücklich darüber sein, dass er sich so sehr für mich interessiert. Liebe ist also nicht ein harmonisches Gefühl der Zweisamkeit, sondern der Versuch, beim anderen Menschen Liebe auszulösen. Das Vorhaben der Liebe geschieht durch Sprache, und zwar keineswegs nur die verbale Sprache; die immense Bedeutung von Körpersprache ist allgemein bekannt. Ich bin für den Subjekt-Anderen ein faszinierendes und von Bedeutung übervolles Objekt, der Blick des Anderen durchbohrt mich nicht, sondern ist bewegt und in Freiheit gefesselt von der Vielheit meiner Bedeutungen. Die Begeisterung, die ich beim Anderen auslöse, teilt er mir mit. Auf diese Weise kommt, so nach und nach, in bewegenden Schüben, Selbsterkenntnis zustande. Je mehr man sich mag, umso mehr interessiert man sich für alle Aspekte des anderen, um so mehr wird man sich gegenseitig über einander mitteilen.

Der andere Weg, die Wahrheit über das eigene Selbst zu erfahren, ist es, als Subjekt zurückzublicken. Hier ergibt sich das Problem, dass die Subjektivität des Anderen verschwindet und nur noch ein Objekt übrig bleibt. Die Freiheit, der ich ausgesetzt bin und die mich so beunruhigt hat – denn sie besitzt mein Selbst – kann ich nicht in den Blick bekommen. Zwar habe ich mich als Subjekt behauptet und blicke dem Anderen in die Augen. Ich kann auch anhand seines Verhaltens allerlei Rückschlüsse auf sein subjektives Innenleben schließen. Aber es bleibt eine Beunruhigung: wie hat der Andere mich gesehen? Die Kunst wäre hier also, so zurück zu blicken, dass ich möglichst viel von der freien Subjektivität des andren in seinem Objekt-Sein erfahre. Und genau dies geschieht in der sexuellen Begierde, die Sartre, zum ersten Mal in der Philosophiegeschichte, ausführlich beschreibt. Der (oder die – es sind hier immer beide Geschlechter oder im Sinne von Queer-Theorien andere Geschlechter gemeint) sexuell Begehrende will, dass der Begehrte sich als Objekt mit der Freiheit seines Bewusstseins anfüllt. Das Bewusstsein des Begehrten soll sich in seinem Körper verfangen. Er soll nicht mit seinen Gedanken woanders sein. Sein Körper soll „zu Fleisch werden“, Sartre spricht hier von Fleischwerdung, von Inkarnation. Dies gelingt nur, indem ich, also der Begehrende, meinerseits zu Fleisch werde. Ich bin nicht mehr kühlen Kopfes das Kommandozentrum meiner Aktionen, sondern verfangen in meinen eigenen Lustgefühlen. Das Ziel ist also eine gemeinsame „Fleischwerdung“, die Freiheit des Anderen als Körper spüren und dabei selber nichts weiter als gefühlvoller Körper zu sein. Den anderen erkennen und dabei selber erkannt werden, das wäre das Ideal der sexuellen Begierde, das biblische Erkennen.

Nun erörtert Sartre sehr gründlich, warum diese Vorhaben, das eigene Selbst über den Umweg des Anderen in Besitz zu nehmen, nie vollständig gelingen können und insofern „zum Scheitern verurteilt sind“. Trotzdem ist es so, dass die Versuche, über Erfahrungen mit Anderen Selbsterkenntnis zu gewinnen, uns mit immer wieder erneuerten Einsichten über den eigenen Lebensentwurf sehr bereichern. Ein starkes Selbst entsteht im Abenteuer der lebenslangen Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis. Selbsterkenntnis geschieht nur über andere: von anderen erfahre ich etwas über meinen Lebensentwurf und nicht durch Nabelschau. Und diese anderen müssen keine Therapeutinnen sein, keine spirituellen Meister, keine Priester – es können Freunde und Lebenspartner sein, Berufskollegen, Mitstreiterinnen in Projekten aller Art. Selbsterfahrung gilt es zu üben, zu kultivieren, hier gilt es Kulturtechniken zu entwickeln, sich gegenseitig mit Feedbacks zu bereichern, mit Feedbacks, die auch dann – im Sinne einer win-win-Konstellation – wechselseitig zur Selbsterkenntnis beitragen, wenn keine Liebe, wenn keine gegenseitige sexuelle Begierde zustande kommt. Kontakt ist auch möglich, wenn Distanzen aufrechterhalten werden, wenn Distanzen sprachlich entfaltet und in ihren Besonderheiten qualifiziert werden. Unsere sprachlichen Möglichkeiten sind hier noch lange nicht ausgeschöpft. Es könnte sein, dass hier die unendlich reiche Romanliteratur der letzten 200 Jahre besser weiterhilft als die vielen Psycho-Ratgeber.

4. Selbstverwirklichung, Selbsterfahrung und Kontaktfreude

Selbstverwirklichung setzt Selbsterkenntnis voraus. Die Unterschiede zwischen den Menschen in der Kunst, hierfür Erfahrungen zu machen, und dem zu Folge auch die Unterschiede im Reichtum an Glück, können sehr drastisch sein.

a) kontaktarm, erfahrungsarm, ich-schwach

Nicht, nicht verstanden zu werden, ist unsere größte Angst, sondern zu gut verstanden zu werden. Auch sehr verschlossene Menschen müssen erleben, dass ihr Lebensentwurf für Dritte offen zu Tage liegt. Da mögen sie sich noch so viel auf ihre inneren Qualitäten einbilden, da mögen sie sich noch so sehr einreden, vom Urteil Anderer nicht abhängig zu sein: das Unbehagen, im Wesentlichen für Andere erkennbar zu sein (z.B. als Erfolglose, Frustrierte, kleinlich Vorwurfsvolle), bleibt zeitlebens spürbar. Wer blind ist hinsichtlich seines eigenen Lebensentwurfes, wer sich vor der Wahrheit über sich selbst fürchtet und deshalb den Kontakt mit Anderen scheut, wird wenig über sein Selbst erfahren. Erfahrungsarme Monaden tendieren zur Erstarrung, zum Ressentiment, zum dauerhaften Gekränkt-Sein gegenüber den Gewandten, deren Leben facettenreicher und sichtlich glücklicher ist. Aber auch ein sehr betriebsames Leben, ein sehr ereignisreiches Leben kann dennoch haarscharf an entscheidenden Erkenntnissen vorbeilaufen, zum Beispiel an der Erkenntnis der sexuellen Minderheiten in einem selbst, z.B. der eigenen homosexuellen Neigungen. Erfahrungsarmut, innere Leere wird auf unterschiedliche Weise kompensiert, z.B. im Konsum, z.B. in der Identifizierung mit bewunderten Personen. Ich-Schwäche wäre der hierfür treffende Begriff aus der Psychoanalyse: den Triebimpulsen hilflos ausgeliefert, ohne sie kultivieren und genießen zu können, den Über-Ich-Geboten unterworfen, ohne ihren Sinn hinterfragen zu könne. Der Ich-Schwache holt sich seine Stärke woanders, als Angehöriger eines größeren Ganzen, einer Fangemeinde, einer Nation, einer religiösen Gemeinschaft.

b) Großzügigkeit; altruistischer Egoismus; Anpassung?

Wie gehen die Glück-suchenden Menschen miteinander um? Leicht vorstellbar und insofern trivial ist die hierarchische Konstellation, bestehend aus einem Alpha-Tier und diversen Gefolgsleuten: alle machen, was das Alphatier will. Komplex und interessant wird es, sich vorzustellen, was anti-hierarchische Selbstverwirklicher miteinander machen. Was passiert, wenn Leute, die höchste Ansprüche an ihr Leben stellen, aufeinander prallen? Glückssucher sind dafür, dass die anderen auch Glückssucher sind. Glück-Finder sind auch Glück-Gönner. Sie sind Egoisten, aber solche, die wollen, dass die anderen auch Egoisten sind. Wir sind da in hohem Maße aufeinander angewiesen. Jene, die aus sich heraus gehen, die es wagen, sich zu exponieren, sich aufs Glatteis zu begeben, werden Reaktionen hervorrufen, sie werden andere herausfordern, ebenfalls mehr aus sich heraus zu gehen. Nun sieht es tatsächlich so aus, als seien die faszinierenden Selbstdarsteller, die erfolgreichen Selbstvermarkter auch die besten Selbstverwirklicher. Denn Marktorientierung bedeutet immer auch Empathie, Einfühlung in den Anderen. Wichtig ist hier der Unterschied zwischen dem Stolz „ich habe etwas zu bieten“ und der Scham „ich muss mich nach den Wünschen der anderen richten“, der Unterschied zwischen der kühnen Abenteuerlust der Unternehmers und der kriecherischen Dienstbereitschaft des Domestiken. „Anpassung“ ist seit den 68-er Jahren in Verruf gekommen, aber in unserem Zusammenhang ist interessant, dass Anpassung etwas höchst Unterschiedliches bedeuten kann: Einfühlung in die Leute, um deren Anerkennung, um deren Liebe es mir geht, deren Begeisterung ich wecken will, oder der vorauseilende Gehorsam des kundenorientierten Dienstleisters, der als Person gar nicht bemerkt werden will: einen guten Diener erkennt man daran, dass man ihn gar nicht wahrnimmt. Damit nicht materielle Not, damit nicht drohende Armut die Leute in die devote zweite Haltung, in die unterwürfige Anpassung drängt und sie an der Selbstverwirklichung hindert, sind umfassende gesellschaftliche Freiheitsrechte vorauszusetzen, ist insbesondere mittels einem bedingungslosen Grundeinkommens für alle die „reale Freiheit“ als universelles Recht zu stärken. Es macht einen große Unterschied, ob die Menschen auf einem sicheren finanziellen Bürgersteig stehen und sich mit aufrechtem Gang begegnen können, ob sie es sich leisten können großzügig zu sein, oder ob sie, planvoll mit Armut bedroht, vom Jobcenter zur Dienstbereitschaft abgerichtet, für jeden Job zur Verfügung stehen müssen, sich für nichts zu schade sein dürfen und fortwährend darauf gedrillt sind, den anderen auch noch den miesesten Job vor der Nase wegzuschnappen. Im einen Fall entstünde ein Klima des Vertrauens, der gegenseitigen Anerkennung, der freundlichen Neugier aufeinander, im anderen, heute weitgehend vorherrschenden Fall ein Klima der gegenseitigen Bedrohung, des gegenseitigen Entsicherns, des gegenseitigen Kleinmachens, ein Klima kleinlicher Missgunst. 

Entfremdung als Abenteuer

Selbstverwirklichung als Leidenschaft für das Fremde

Unsere Überlegungen begannen mit der Gegenüberstellung von entfremdet und selbstverwirklicht; die hier mit den Gedanken von Sartre entwickelte These lautet: Entfremdung erfahren, erleben, auf der Entfremdung „surfen“, ist Voraussetzung für Selbstverwirklichung. Der Selbstverwirklicher muss etwas zu riskieren, muss aus sich heraus gehen, muss leidenschaftlich neugierig sein: „wie werden die anderen mich wohl finden?“ Insofern gibt es Lust an der Entfremdung, wohlverstanden Entfremdung im Sinne von Sartre und nicht im Sinne von Marx. Über zweierlei können wir unser Leben lang staunen, einmal darüber, wie fremd man sich gegenseitig ist, darüber dass wir nie wirklich wissen werden, wie andere uns wahrnehmen, erleben, empfinden. Und  auf der anderen Seite darüber, dass Verstehen stattfindet, und zwar von Anfang an, dass das Bewusstsein durch Verstehen entsteht. Nur wenn das Baby sich von seiner Mutter verstanden fühlt, wird es ein bewusstes Wesen. Demut, die Bescheidenheit, sich auf andere Perspektiven einzulassen, ist Voraussetzung für das Unbescheidenste, dafür, den größten Reichtum zu erlangen, den Reichtum der Selbsterkenntnis.

 

AutorInNen: 
Robert Ulmer