Wir gingen ins Proletariat

Wir gingen ins Proletariat! – Anspruch, Wirklichkeit und Folgen maoistischer Betriebsintervention

Vortrag von Wofgang Ratzel

In den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren gaben Tausende von Studierenden, ihre sicheren, aussichtsreichen, gutdotierten und altersgesicherten Berufsperspektiven auf, um „ins Proletariat zu gehen“. Statt revolutionärer Kampf auf dem Campus der Universitäten, nunmehr revolutionäre Betriebsarbeit. Statt akademische Würden nunmehr die Ehre, schwerarbeitende Hand- und HilfsarbeiterInnen zu sein. Statt Seminarraum und Mensa nunmehr Fließbänder, Produktionshallen und Kantinen. Statt Vollversammlungen im Audimax nunmehr Betriebsversammlungen in Hallen. Statt Rote Zellen an den Fakultäten nunmehr Betriebszellen in den Großbetrieben. Statt Kampf um Sitze in Studentenparlament und ASTA nunmehr Kampf um Sitze im Betriebsrat und in der gewerkschaftlichen Vertrauensleutekörperleitung.

Die übergroße Mehrheit der BetriebsgängerInnen kamen aus den maoistischen Nachfolgegruppen des SDS (KPD/ML, KPD/AO, KBW, KABD, AB usw.); viele aber auch aus dem Umfeld der Operaisten, manchmal auch Trotzkisten.

Meine Frage lautet: Welche Motive trieben diese Tausende dazu, einen relativ lockeren Uni-Alltag mit den Wonnen einer disziplinierten Schichtarbeit zu tauschen? - statt Debatten bis tief in die Nacht und tagsdrauf wohliges Ausschlafen nunmehr Aufstehen um 5 Uhr und raus in die Kälte der Frühschicht? Welche Faszinationskraft bewirkte diese „Opferbereitschaft“. Welche Kraft verwandelte den Betrieb als Ort entfremdender fordistischer Akkordarbeit in einen Ort, der Erlösung vom Übel des Kapitalismus versprach? Was genau erwartete man? - was wollte man erreichen?

Ich werde aber vor allem fragen: Wie veränderte die massenhafte Betriebsintervention der BetriebsgängerInnen den Alltag in den westdeutschen Betrieben? Gibt es Anzeichen dafür, dass die (maoistische) Betriebsintervention wider Willen den Modernisierungsprozess von der fordistischen zur postfordistischen Produktionsweise beschleunigt hat? Inwieweit enthalten heutige postmoderne Arbeitsorganisationen wider Willen Elemente maoistischer „Ideale“?

Der Vortragende war zwischen 1972 und 1994 selbst Betriebsgänger und spricht aus der Erfahrung von 22 Jahren Betriebsintervention.

These: Ohne chinesische Kulturrevolution keine maoistische und operaistische Betriebsintervention!

Ein grosser Teil der 68er-Bewegung war – was heute schier unvorstellbar ist- zur Faszination fähig. Und wir können das Phänomen „Betriebsintervention“ nur begreifen, wenn wir erfahren, von was und von wem die BetriebsinterventionistInnen fasziniert waren.

Faszination meint mehr als Begeisterung; sie wirkt wie „Liebe auf den ersten Blick“; sie bezaubert, fesselt, „beschreit"; man hört ein Zitat und erschauert.

Die Faszination ergreift stets die Person als Ganzes; vor allem aber versetzt sie die Person in eine Situation, aus der heraus sie ihr Leben als Ganzes verändern kann.

Die Hauptquelle der Faszinationskraft lag in Asien: Der Osten leuchtete tiefrot! Der Osten war nicht die poststalinistische UdSSR; der Osten war die VR China. Dort ereignete sich das, was faszinierte: Zuerst die Volkskommunebewegung, dann –gleichsam als Fortsetzung- die Kulturrevolution.

Die Kulturrevolution war die erste Medienrevolution der Geschichte. Ihre globale Faszinationskraft lief über „Images“, das sind „kollektive Projektionen, die sich Menschen vor allem für Objekte erzeugen, bezüglich derer sie über kein direkt zugängliches Wissen oder keinen direkten Kontakt verfügen."

Die kulturrevolutionären Images bezauberten, weil die 68er in sie projizieren konnten, was sie sehen wollten: Revolution ist möglich ― hier und jetzt!

Die Grundfrage dieses Teils der 68er-Generation hatte dereinst neben Herbert Marcuse auch Hans Joachim Krahl im Zerfallsprozess des SDS formuliert.

Sie lautete: Wie kann das künftige Reich der Freiheit hier und heute antizipiert werden?

Krahls Antwort lautete: Die Antizipation des Reichs der Freiheit ist in der „Revolutionären Existenz" möglich. Diese Perspektive verhieß: Niemals mehr Abtrennung des alltäglichen vom politischen Leben! Niemals „bloß abstraktes Bekenntnis”! Das ganze Leben sollte bruchlos antisystemisch, kulturrevolutionär, antiautoritär, antibürokratisch, sexualemanzipatorisch sein.

Solche Existenz entwickelte sich in der BRD in fast aussichtsloser Lage, in Verhältnissen, die der SDS als „gigantisches System der Manipulation” deutete. Der Verblendungszusammenhang war komplett ― fast! Wo aber war der Riss? Man glaubte: Der Verwertungsprozess des Kapitals selbst erzeugt den Riss ― in Gestalt nicht mehr verwertbarer Systemopfer: Erwerbslose, kranke, überforderte Menschen werden in die Randzonen entlassen, und eben dort würden sich die manipulativen Wirkungen der Macht verflüchtigen. Wer am Rande lebt, würde revolutionsfähig bleiben.

Aber auch der Traum von Emanzipation würde der Integration widerstehen können. Ein weiterer Riss im Verblendungszusammenhang würde sich in der Mitte eröffnen: „Privilegiert-sensible” Menschen würden die Zusammenhänge begreifen und sich dem System verweigern. Man würde entkommen können! Die Parole hieß: Bildet revolutionäre Bewusstseinsgruppen. Die Frage lautete: „Wie kann unter den Bedingungen einer repressiven Befriedigung der materiell elementaren Bedürfnisse das Bedürfnis nach Emanzipation entfaltet werden?”

Die Antwort: In der direkten Aktion eines Bündnisses zwischen privilegiert-sensiblen Mittelschichten und unterprivilegiert-gequälten Randgruppen.

Die Desintegration des Systems war also möglich: von den Rändern her; durch lokale, organisierte Spontaneität; durch „kleine Räte von Hand- und Kopfarbeitern”.

„Rebellion ist vernünftig"

Die chinesische Kulturrevolution schien zu beweisen, was Krahl und Marcuse „theoretisch“ bewiesen hatten: Du kannst dich von deinem system-manipulierten und verblendeten „Innenbau” befreien, weil die Kulturrevolution nämlich die Seele der Menschen erfasst und damit den ganzen Menschen. In der Einheit von Studieren, Arbeiten und Kämpfen kannst du ganz werden. Rebelliere gegen entfremdende Abspaltungen, fachidiotische Experten! Schule muss „Halb Arbeit halb Studium” sein, eingebettet in selbst organisierte Kommunen und Betriebe. Lebe antiautoritär, denn Autorität trägt in sich den Keim elitärer Herrschaft! Lebe den ständigen Aufbruch zum Horizont der Möglichkeiten; wähle die Unsicherheit der Erneuerung, verwerfe ein Leben in Strukturen warmgesessener Sicherheit!

Wer so denkt, kann in den Betrieb gehen.

Hinzutrat die Mao-Tse-Tung-Idee der „Permanente Revolution"

Selbst wenn wir siegen, ist die Bourgeoisie nicht besiegt. Sie zielt auf Restauration, und sie entsteht inmitten der Gesellschaft immer aufs Neue. Weil sie mächtige Verbündete hat: „die reaktionären bürgerlichen akademischen Autoritäten"; „die alten Ideen, die alte Kultur, die alten Sitten und Gebräuche"; die Restauration lauert in der Bürokratie, sie versteckt sich in der Elitenherrschaft einer Technokratenklasse; längst sitzt sie mitten in der Kommunistischen Partei. Die Images sagten: Es genügt nicht, die Eigentumsverhältnisse zu verändern; man muss „neue Ideen, eine neue Kultur, neue Sitten und Gebräuche des Proletariats anwenden, um das geistige Antlitz der gesamten Gesellschaft zu ändern."

Wer in den Betrieb geht, würde sich reinigen können von alten Ideen, alter Kultur, alten Sitten und Gebräuchen.

Hinzutrat das Faszinosum „Massenlinie“

Die 68er litten schwer unter ihrer Abgetrenntheit von den Massen. Stets wollte man dem Volk dienen, aber das Volk zischte mit hassverzerrtem Gesicht: „Geh doch rüber! (in die DDR)” Man blieb Fremdkörper. Der ferne Osten aber war rot!

Die heranwabernden Images zeigten: Die Vereinigung mit dem geliebten Volk ist möglich! Sie zeigten die wahren Helden: arme Bauern, einfache Arbeiter, vor allem aber die Jugend, die Studierenden. In ihnen wohnte Wahrheit und jene Dynamik, die zur Emanzipation drängt:

„In der großen proletarischen Kulturrevolution können die Massen nur selbst sich befreien, und die Methode, in allem für sie zu handeln, darf nicht angewendet werden. Vertraut den Massen, stützt euch auf sie und achtet ihre Initiative. Befreit euch von der Furcht. Habt keine Angst vor Unordnung. Macht den größtmöglichen Gebrauch von den Wandzeitungen mit großen Schriftzeichen und von großen Debatten, um die Dinge auszudiskutieren."

Hinzu trat das Faszinosum „Radikaler Egalitarismus“

Die 68er fühlten anti-elitär und radikal-egalitär. Das Paradox war: Man hing an Anti-Autoritäten ― wie die chinesischen RotgardistInnen auch. Die Images sagten: Mao ist ein einfacher ping (Soldat); rote Leiter sind keine Machthaber sondern dienen dem Volk; die Armee arbeitet produktiv und schafft Rangabzeichen ab; die Fabrik ebnet Lohnunterschiede und materielle Anreize ein; die Frauen befreien sich; bald sind alle gleich.

Wenn wir in den Betrieb gehen, werden wir eine Fabrikorganisation schaffen, die auf anti-elitärer und radikaler Gleichheit beruht.

Hinzutrat das Faszinosum Internationalismus

Wir kämpfen im Zentrum des Imperialismus – vielleicht auf aussichtslosem Posten. Und dennoch können wir siegen, weil die Rettung von den Rändern kommen wird. Längst sind die Städte der Welt ― Nordamerika, Westeuropa ― von den ländlich- bäuerlichen Gebieten eingekreist. Ob die Weltrevolution siegt, hängt nur in zweiter Linie von uns ab, der Sieg „hängt von den revolutionären Kämpfen der asiatischen, afrikanischen und lateinamerikanischen Völker ab, welche die überwältigende Mehrheit der Weltbevölkerung sind.” Die Images sagten: Der Sieg ist nahe herbeigekommen, denn das rote China ist ein befreites Gebiet im Meer imperialistischer Herrschaft.

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Solchermaßen fasziniert und motiviert ging man „ins Proletariat“, genauer: in den Rand des Prolataritas - als HilfsarbeiterInnen, bestenfalls als angelernte ArbeiterInnen.

Das, was man arbeitete, und ob man dazu überhaupt fähig was, war gleichgültig. Hauptsache, man arbeitet „im Proletariat“ und konnte Betriebszellen aufbauen. Je näher man am „Kern“ des Proletariats war, desto besser. Der „Kern“ arbeitete an den Fließbändern der Großbetriebe. Also ging man „ans Band“. Wenn die ausländischen KollgInnen die rebellischste Fraktion war, ging man zu den türkischen und südeuropäischen ArbeiterInnen. Die konkrete Lohnarbeit war Mittel zum Zweck. Der Zweck war die Eroberung der Betriebe als Festungen der revolutionären Erhebung, die nahe herbeigekommen war.

Aber vom ersten Tag an begann eine paradoxe Lebensweise, die aber gerade deshalb unmöglich Erscheinendes vollbrachte:

- Man nahm in Polit-Kommunen die kulturrevolutionär die kommunistische Zukunft vorweg und gründete im selben Atemzug Kleinfamilien.

- Man existierte im Selbst-Bild des antiautoritären Kulturrevolutionärs und arbeitet diszipliniert, motiviert, erfüllt und übererfüllt die Akkordvorgaben. Man schnitt sich die Haare und die Jungarbeiter ließen sie wachsen. Man simulierte einen verblassten Arbeiterhabitus und bleibt in der „echten“ Maskerade doch anders als die Anderen.

- Man propagierte die festgelegten revolutionären Ziele und wird als konsequenter Nur-Gewerkschafter in den Betriebsrat gewählt.

- Man wollte den Betrieb zur Festung im revolutionären Kampf machen und erlebte tagtäglich, wie die KollegInnen im Laufschritt aus dem Betrieb rannten.

- Man gewann junge KollegInnen für seine Betriebszelle, die bei erster Gelegenheit dorthin gingen, woher man zu ihnen kam: Ins Szene-Milieu, in den zweiten Bildungsweg und letztlich an die Universität.

Und dann verlöschte ab 1977 der rote Horizont im „Deutschen Herbst“. Die Spontis vom Revolutionären Kampf gaben als erste auf, die KPD/ML blieb bis zum bitteren Ende - in den Neunzigern machte der Letzte das Licht aus. Und –wieder ein Paradox:

- die Letzten gingen mit einem Rentenanspruch aus dem Betrieb, von dem nichtrevolutionäre Jetztgeborene nur träumen können.

Auswirkungen der Betriebsintervention auf die Arbeitswelt

Die maoistischen BetriebsinterventionistInnen nahmen –wieder Willen- das vorweg, was kaum dreißig Jahre später das spätmoderne „Leistungssubjekt“ kennzeichnen würde:

-    die totale Funktionalisierung der Arbeit für eigenste Zwecke;

-    die Gleichgültigkeit gegenüber dem, was man und wie man konkret arbeitete;

-    die unbegrenzte Flexibilität in der Aufgabenerfüllung;

-    der permanente Einsatz, wo immer auch immer man sich aufhielt;

-    die Aufhebung der Grenze zwischen Arbeit und Freizeit.

Man verstand sich immer und überall als effektives, abstraktes „Leistungssubjekt“, als Arbeiter und Arbeiterin für das, was man unter „Leistung“ verstand: Die schnellstmögliche Herbeiführung der Volksrepublik Deutschland.

Die Maßzahl für Leistung war klar definiert:

-    Anzahl der Parteimitglieder und SympathisantInnen;

-    Anzahl und Verbreitungsgrad des Zentralorgans und der Betriebszeitungen;

-    Anzahl und klassenmäßige Zusammensetzung der Betriebszellen;

-    Anzahl der BetriebsrätInnen und gewerkschaftlichen Vertrauensleute;

-    Ergebnisse der Spendensammlungen und Höhe der Mitgliedsbeiträge; uswusf.

Somit waren die maoistischen BetriebsinterventionistInnen, gerade weil sie ihren kulturrevolutionären Habitus in die Betriebe trugen, WegbereiterInnen dessen, was heute als Leitbild die spätmodernen Betriebsorganisation regiert: Das zur Selbstorganisation und Selbstverwaltung fähige autonome Leistungssubjekt, das sich in seiner Leistungsentfaltung für beliebige Betriebe „frei“ fühlt.

Wobei ich unter Habitus -analog Pierre Bourdieu und Norbert Elias- das gesamte Auftreten einer Person - ihr Denken, Fühlen, Handeln, Lebensstil, ihre Sprache, Kleidung, ihren Geschmack - verstehe.

Das ist das größte aller Paradoxa.

AutorInNen: 
Wolfgang Ratzel
Quelle: 
Vortrag gehalten Samstag, 17. Dezember 2011, 15:00 Uhr